Würdiges Gedenken zum Tag der Heimat


Archivmeldung aus dem Jahr 2015
Veröffentlicht: 06.09.2015 // Quelle: Internet Initiative

Zum 66. Mal beging der Bund der Vertriebenen Leverkusen (BdV) am Ostdeutschen Kreuz auf dem Friedhof Manfort den Tag der Heimat. Die Gedenkrede hielt in diesem Jahr der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk. Er verwies in seiner Ansprache auf die Bedeutung der kulturellen Leistung der Vertriebenen und deren Beitrag zur Verständigung mit den Ländern in den ehemaligen Heimatgebieten.

In seinem Grußwort betonte Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn die Aufbauleistung der Vertriebenen für unser Land nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht immer als Willkommene angenommen, ist ihnen die Integration damals gelungen.

Der BdV-Vorsitzende Rüdiger Scholz erinnerte daran, dass die Vertriebenen mit ihrer Charta vom August 1950 den Weg für die Verständigung mit den Nachbarn Deutschlands geöffnet und damit die Einheit Europas vorgezeichnet haben.

Ehrengäste waren der Bundestagsabgeordnete Helmut Nowak und der Europa-Abgeordnete Axel Voss

Oberbürgermeister Buchhorn hielt folgende Rede:
"Sehr geehrter Herr Koschyk,
Herr Scholz, Herr Voss, Herr Nowak,
meine sehr geehrten Damen aus Politik und Verwaltung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

70 Jahre ist es in diesem Jahr her, dass der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Am 8. Mai 1945 schwiegen die Waffen endgültig, nachdem fast 60 Millionen Menschen in dem von Deutschland entfesselten Krieg gestorben waren - an der Front gefallen, in Konzentrationslagern ermordet, in den Bombennächten verbrannt, auf der Flucht verhungert und erfroren.

Für die Deutschen war es die Stunde Null – ein Grund zur Freude, dass nun endlich Frieden herrschte, aber doch verbunden mit der bangen Frage, wie das Leben in den zerstörten und verwüsteten Städten weitergehen sollte. Weitergehen vor allem für diejenigen, die in zahllosen Trecks und unter teils unvorstellbaren Entbehrungen vor der Roten Armee in den Westen geflohen waren.

Und für viele Deutsche stand das Schlimmste erst noch bevor – die von den Siegermächten auf der Konferenz von Potsdam beschlossene Vertreibung aus ihrer Heimat, aus den Gebieten Ost- und Westpreußens, aus Pommern und Schlesien, aus dem Sudetenland, aus Böhmen und Mähren, aus Gebieten der Sowjetunion, Ungarns, Rumäniens und der Balkan-Halbinsel.

Deshalb versammeln wir uns wie schon in den vergangenen Jahrzehnten hier auf dem Friedhof Manfort, um mit dem „Tag der Heimat“ der Vertreibung und Flucht von über 12 Millionen Deutschen zu gedenken.

Aus ihrer Heimat geflohen oder vertrieben, wurden die Neuankömmlinge im Westen nicht überall herzlich empfangen. Als Fremden stand ihnen die ansässige Bevölkerung oftmals mit Unbehagen und Ablehnung gegenüber, wurden die „Habenichtse“ oder „Rucksackdeutschen“ beschimpft und diskriminiert.

Es ist kaum zu ermessen, welche organisatorische Leistung es war, die vielen Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen. Denn auch in Leverkusen war die Versorgungslage schlecht, verschärfte sich der Mangel an Wohnraum mit der Rückkehr Evakuierter und dem steigenden Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen. In allen Stadtteilen wurden deshalb Schulen, Turnhallen und sonstige Gebäude als Sammelquartiere für die Unterbringung genutzt, wie etwa die alte Berufsschule in Opladen oder der Saal Aretz in Hitdorf.

Einblick in die Zustände dort gibt ein Besichtigungsprotokoll der Kreis-Flüchtlingsstelle:

„Fester Bau, früher als Kino benutzt. Belegt mit 30 Personen, die sich seit Wochen dort befinden. Überwiegend Frauen und Kinder. Bettgestelle sind nicht vorhanden. Die Hälfte der Flüchtlinge liegt auf Strohschüttungen auf der Erde, die andere Hälfte auf Strohsäcken. Es fehlen etwa 20 Decken. […] Die Insassen waschen sich in den Kochtöpfen. Leib- und Bettwäsche kann nur durch Nachbarhilfe gesäubert werden.“

In der zweiten Jahreshälfte 1946 nahm der Zustrom von Flüchtlingen enorm zu. Allein in Opladen stieg deren Zahl von 916 zum 1. Juni 1946 auf 2.572 zum Jahresende. Massenquartiere wurden u.a. in der Stadthalle sowie verschiedenen Sälen und Bunkern eingerichtet. In Bergisch Neukirchen stieg die Einwohnerzahl bis 1948 auf 4.188 Personen an, darunter waren 783 (rd. 18%) Neuankömmlinge aus den Ostgebieten, von denen 109 noch in „Lagern“ lebten.

1953 kamen erneut zahlreiche Flüchtlinge, diesmal aus der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) nach Leverkusen. Im März traf ein erster Transport in Opladen ein: „Mit Marmeladeneimern und Kartons kamen sie an“, berichtete der Kölner Stadtanzeiger am 28. März 1953. Wenig später kamen die ersten 52 Personen von insgesamt 90 zugewiesenen nach Bergisch Neukirchen. Für die insgesamt 14 Familien wurde die Stadthalle in einzelne Kabinen mit Etagenbetten unterteilt. Mehr als ein Jahr mussten die Familien in der Sammelunterkunft bleiben.

Eine ähnliche Situation, allerdings mit einer wesentlich besseren Versorgungslage, erleben wir derzeit. Über 500 Flüchtlinge sind allein seit Jahresbeginn in Leverkusen untergekommen, bis zum Jahresende werden es nach den neuesten Prognosen weit über tausend sein; 800.000 sollen es insgesamt in Deutschland sein.

Viele von ihnen kommen aus den zerfallenden Staaten des Nahen Ostens, aus den Kriegsgebieten Syriens und aus dem Irak, wo der Terror des Islamischen Staates wütet. Nach wochenlanger Flucht, erschöpft, traumatisiert, kommen sie oft mit nicht mehr als einer Tasche oder einem Rucksack und den Kleidern, die sie am Leib tragen.

Viele von Ihnen, die wir heute hier versammelt sind, können sich sicherlich noch allzu deutlich an die harten Bedingungen erinnern, unter denen sie selbst ein neues Leben, eine neue Zukunft fern der Heimat beginnen mussten. Trotz des traumatischen Verlusts der vertrauten Umgebung, der sozialen und kulturellen Bindungen, ist es Ihnen dank harter Arbeit und eisernen Disziplin - wie so vielen anderen, Millionen Heimatvertriebenen - gelungen, sich zu integrieren, sich wieder eine Existenz aufzubauen und hoffentlich eine zweite Heimat zu finden.

Sie haben sich auch mit großem persönlichen Einsatz für die Aussöhnung und friedliche Nachbarschaft mit unseren östlichen Nachbarländern eingesetzt. Insbesondere ist hier die Städtepartnerschaft mit Ratibor hervorzuheben, die aus der ehemaligen Patenschaft hervorging.

Man kann mit vollem Recht sagen: Deutschland wäre nicht das, was es heute ist, ohne die Aufbauleistung der Heimatvertriebenen.

Das Unrecht und der Schrecken von Krieg und Vertreibung dürfen niemals vergessen werden. Heute leben wir in einem geeinten und friedlichen Europa, das sich seiner Vergangenheit bewusst ist und dessen unverrückbare Fundamente Demokratie, Freiheit und die Achtung der Menschenrechte sind. Aus diesem Erinnern wächst Verantwortung. Verantwortung dafür, dass Menschen, die vor Krieg und Gewalt nach Europa flüchten, geholfen werden muss.

Sicher kann es in der Flüchtlingsfrage nur eine gemeinsame europäische Lösung geben. Europa muss sich stärker engagieren, weit über seine eigenen Grenzen hinaus. Nur so können wir zu einer wirksamen Bekämpfung von Fluchtursachen beitragen. Zunächst aber müssen wir uns um die Menschen kümmern, die schon hier sind.

Und da könnten wir wenig ausrichten ohne die überwältigende Hilfsbereitschaft der vielen Leverkusener Bürgerinnen und Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren und ihr Möglichstes tun, um den Flüchtlingen zu helfen, sich hier bei uns zurechtzufinden. Dieses Engagement und diese Offenheit der Leverkusener machen mich als Oberbürgermeister sehr stolz.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Heimat zwangsweise verlassen zu müssen, ist eine Wunde, die nie richtig verheilt. Das Schicksal der deutschen Vertriebenen, an das wir heute erinnern, mahnt uns auch in Zukunft daran, das Gebot der Humanität gegenüber Schutzsuchenden, gleich welcher Religion oder Nationalität, stets zu achten.

Wir werden nun der Toten gedenken und anschließend die Kränze niederlegen."


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Kultur
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