Stadtplan Leverkusen
28.09.2007 (Quelle: Bayer 04)
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Arbeiter und Entscheider


Ein schöneres Spiel hätte er sich zu seinem runden Geburtstag gar nicht wünschen können: Bayer 04-Sportmanager Michael Reschke wird am Samstag 50 Jahre jung und freut sich wie alle anderen Leverkusener auf das Gipfeltreffen mit Bayern München.

An der Stirnwand ist dick aufgetragen. Das nahezu abstrakte Bildnis Uwe Seelers beim Flugkopfball nimmt den Besucher auf den ersten Blick in Anspruch. Kräftiger Strich. Dunkle Farbgebung. Dynamische Bewegung. Athletik im Querformat. Der Künstler, der ehemalige Bundesliga- und Nationaltorwart Rudi Kargus, hat die Faszination des Fußballs in einer klassischen Momentaufnahme festgehalten, deren Ausstrahlung dem Arbeitsalltag in diesem Raum durchaus zugute kommen könnte.

Hausherr in diesem Büro der dritten Etage der Südtribüne der BayArena ist Michael Reschke. Der Sportmanager von Bayer 04 ist zwar der Öffentlichkeit weniger bekannt als Wolfgang Holzhäuser, der Sprecher der Geschäftsführung, und vor allem als der unschlagbare Sympathieträger Rudi Völler, der Sportdirektor, doch sein Wort hat in dieser Runde erhebliches Gewicht. Er ist gemeinsam mit Völler zuständig für die Kaderbildung, für das organisatorische Umfeld der Lizenzspieler-Abteilung und für die Belange der 2. Mannschaft. Ein hohes Verantwortungspotenzial.

An seinem Konferenztisch werden Strategien entworfen, hier laufen die wichtigsten Informationen aus sämtlichen Netzwerken zusammen, hier werden Beobachtungen und Bewertungen besprochen, hier fallen die Vorentscheidungen über Verträge und Verpflichtungen, die anschließend im erweiterten Kreis mit Holzhäuser und Völler sowie dem Trainerduo Michael Skibbe und Peter Hermann zum Abschluss gebracht werden.

Von seinem Arbeitsplatz aus hat Reschke eine herrliche Aussicht auf den gepflegten Rasen des Stadions, das demnächst um- und ausgebaut wird. Wer dort morgen und übermorgen das geneigte Publikum mit seiner Kunst am Ball unterhalten darf und wer nicht, ist hier und heute unentwegt das Thema. Wer kommt? Wer geht? Hier erhält die Zukunft Namen und Gesichter.

Es gilt, Unwägbarkeiten weitgehend zu minimieren, Planungssicherheit so weit wie möglich zu optimieren. Das erfordert konzeptionelle Gestaltungskraft. Ein schwieriges Stück bei einem Wettkampfsport, dessen Attraktion für den Betrachter nicht zuletzt darin besteht, dass niemand weiß, wie es ausgeht.

Der Sportmanager, ohne dessen Unterschrift kein Kicker seinen Spind in den Katakomben bezieht, ist kein Krawatten-Typ, eher ein hemdsärmeliger, zupackender Zeitgenosse mit Bodenhaftung. Am heutigen Fußball-Festtag mit dem Heimspiel gegen die Bayern wird er 50. Besser hätte es die Regie für den leidenschaftlichen Liebhaber der Bundesliga nicht anrichten können. "Mit 50 beginnt die Jugend des Alters" sagt der Volksmund. Das Wortspiel gefällt ihm. Er lächelt: "Ich kann's nicht glauben. Ein halbes Jahrhundert. . . ".

Natürlich hält ihn das nicht von seiner Rastlosigkeit ab. Der Job fordert den ganzen Mann, da verbietet es sich, auf die Uhr zu schauen. Reschke ist ein Anhänger der Methode, sich vor Ort, so zu sagen live und in Farbe, ein Bild jedes einzelnen Kandidaten zu machen, der für Bayer 04 interessant sind. Detailkenntnisse können ausschlaggebend sein. Dabei arbeitet er eng mit der Scouting- und der Nachwuchsabteilung zusammen, bei deren Aufbau er einst als Jugendkoordinator tatkräftig mitgewirkt hat.

"Sie können sich nicht vorstellen, wie wir hier Spieler "zerlegen", wie tief wir in jede Personalie eindringen. Jeder hat seinen eigenen Hintergrund." Vor dieser Kulisse wird klar, dass erfolgreiche Mannschaften nicht urplötzlich aus dem Nichts auftauchen, sondern dass sie das Produkt von mittel- bis langfristigen Planungsprozessen, von Phantasie, Gruppenpsychologie und Know how sind. Fußball für Fortgeschrittene.

Michael Reschke ist nun in der 29. Saison für Bayer 04 am Ball. Eine lange Strecke. Natürlich kennt er den Klub und das Umfeld bis in die kleinsten Verästelungen. Dieses Wissen betrachtete er als einen seiner Pluspunkte, die ihn veranlassten Ja zu sagen, als ihn im Frühjahr 2004 Holzhäusers Frage erreichte, ob er sich vorstellen könne, die Nachfolge des Managers Ilja Kaenzig anzutreten.

In die Waagschale warf er außerdem sein profundes Wissen über den Fußballmarkt, seinen umfassenden Überblick über die personelle Situation des Klubs, das Vertrauen auf ein Bündel eigenständiger Ideen und sein Selbstbewusstsein.

Gut gerüstet für eine solche Herausforderung fühlte er sich zudem durch die Ausbildungszeit bei Reiner Calmund. Über seinen damaligen Lehrherrn sagt er rückblickend: "Er war jahrelang mein wichtigster beruflicher Wegbegleiter. Er hat den Klub wie eine Lokomotive nach vorne getrieben." Es war freilich ungleich mehr als eine Herausforderung im herkömmlichen Sinne, die den neuen Mann mit den eigenen Ideen empfing. Es handelte sich eher um ein überaus robustes Mandat, das ihm eine Menge Fingerspitzengefühl plus mindestens eben so viel - wenn nicht mehr - Durchsetzungsvermögen sowie gute Nehmerqualitäten abverlangte. Nix für Weicheier.

Ende der Verlustvorträge

Die Umstände im Werksverein hatten sich bei seinem Amtsantritt gründlich geändert. Es sollte ein möglichst bald zähl- und greifbares Ende haben mit den Verlustvorträgen der jüngsten Vergangenheit. Verschlankung war stattdessen angesagt. Die Stichworte hießen Kostensenkung und Konsolidierung. Vorbei die große Zeit der Optionen. Gleichzeitig lautete die Vorgabe, ein solches Ziel praktisch ohne den Verlust an sportlicher Substanz und Nachhaltigkeit zu erreichen.

Reschke ist ein Teamplayer und vor allem nicht der Mann fürs Ungefähre. "Ich bin ein Arbeiter", sagt er über sich, "ich muss Dinge abwickeln und Entscheidungen treffen, egal ob im Job, im Familienkreis oder auch für Freunde, wenn mich jemand fragt". Andere wären vor einem solchen Parcours zurückgeschreckt. Nicht so der Sportmanager. Der Arbeiter und Entscheider versicherte sich des Schulterschlusses mit dem Geschäftsführer Holzhäuser sowie dem Sportdirektor Völler und machte sich ans Werk.

Verträge wurden ausgesetzt oder aufgelöst, Optionen nicht wahrgenommen, Spieler ausgeliehen. Reschke scheute sich nicht vor unangenehmen Gesprächen, zeigte einigen Kandidaten Chancen und Alternativen auf, komplimentierte wohl auch diesen oder jenen Profi mit List und Tücke an eine andere Adresse. Verträge wurden fast ausnahmslos unter streng leistungsbezogenen reduzierten Gehaltsbedingungen verlängert.

Damit einher ging die auf den Punkt forcierte Förderung eigener talentierter Nachwuchsspieler, denen die Trainer Einsatzchancen zu ermöglichen hatten. Maßnahmen, die aus der Not geboren waren, zugleich aber auch deckungsgleich der Philosophie des Sportmanagers und des Sportdirektors entsprechen. Die Rendite sorgt längst in der Liga mit frischem Fußball für Furore. "Jugendwahn" hielt man ihm anfangs in manchen Gazetten nach erwartbaren Rückschlägen vor.

Reschke macht eine andere Rechnung auf: "Wir haben in drei Jahren einen Transferüberschuss von 23 Millionen Euro erzielt. Erst dieses Ergebnis hat uns in die Lage versetzt, für die laufende Saison knapp fünf Millionen Euro mehr zu investieren als wir erlöst haben." Von dem ziemlich aufgeblähten Spielerkader der Saison 2003/2004 sind mittlerweile lediglich noch Bernd Schneider und Carsten Ramelow als Leistungsträger für Bayer am Ball. Ein Umbruch bei laufendem Spielbetrieb. Ähnlich dem bevorstehenden Umbau der BayArena.

Als "wohltuend familiär" empfindet er die Atmosphäre im Klub. Er betont seine "ganz starke Bindung an viele Menschen, die sich hier einbringen und eine überragende Arbeitsleistung im Sinne des Klubs bringen". Das Verhältnis zu Holzhäuser und Völler sei "von sehr hohem gegenseitigem Respekt geprägt".

Eine sehr spannende Zeit

Vor allem aber lässt er sich vom Spaßfußball der jugendbewegten Bayer-Elf, der er noch erhebliches Potenzial attestiert, mitreißen: "Ich finde, wir erleben, was unseren Klub angeht, eine sehr spannende Zeit. Ich genieße jeden Tag. Wir haben eine klasse Mannschaft mit hohem Entwicklungspotenzial und Spieler, die einem richtig Freude machen und mit denen sich unsere Fans voll identifizieren." Anno 2007 ist Bayer 04 in erster Linie aus sportlichen und nicht mehr nur aus finanziellen Gründen eine erstklassige Adresse im deutschen Profifußball.

Die Außenfassade der Südtribüne schmücken Überlebensgroße Fotos internationaler Superstars wie Jorginho, Emerson und Kirsten, die einst das Trikot mit dem Bayer-Kreuz trugen. Der jubelnde Bernd Schneider schlägt die Brücke zur Jetzt-Zeit.

Von seinem Büro aus fallen dem Sportmanager Reschke im Inneren der Arena die Porträts der aktuellen Bayer-Fußballer ins Auge. Gonzalo Castro, Simon Rolfes, René Adler, Tranquillo Barnetta und die anderen. Sie sind das Pfund für die Gegenwart und die Zukunft. Sie verkörpern seine Welt und sein Werk. Sie möchte er gewinnen sehen. Auch gegen die Bayern. Und das an seinem 50. Geburtstag. Es wäre das höchste. . . .


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Letzte Änderung am 13.02.2011 19:10 von leverkusen.
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