Holocaustgedenktag „Das Gesicht des Gettos“


Archivmeldung aus dem Jahr 2014
Veröffentlicht: 27.01.2014 // Quelle: Stadtverwaltung

Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn hielt soeben anläßlich des Holocaustgedenktages folgende Rede im Forum

Sehr geehrter Herr Lutz,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute vor 69 Jahren, am 27. Januar 1945, erreichten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz. Wir kennen alle die Fotos und Filmaufnahmen: Die Kinder, die bereitwillig ihre Arme mit den tätowierten Nummern den Kameras entgegen strecken, ebenso wie die Fotos hohlwangiger Menschen in gestreifter und schmutziger Häftlingskleidung.

Allein rund 600 Kinder befreite die Rote Armee aus dem KZ Auschwitz, insgesamt waren es 7.650 Menschen. Und das waren die, die noch am Leben waren: Noch am 17. Januar 1945 waren in dem Konzentrationslager über 65.000 Menschen gezählt worden. Alle gehfähigen Häftlinge waren jedoch wenige Tage zuvor von der SS abtransportiert oder auf einen Todesmarsch geführt worden. Verschleiern konnte die SS ihre Verbrechen auf diese Weise allerdings nicht mehr: Die Rotarmisten registrieren in den Depots immer noch 368.820 Herrenanzüge, 883.255 Frauenkleider, 5.525 Paar Damenschuhe. In der Gerberei fanden sich sieben Tonnen Frauenhaar. Weiterhin Berge von Brillen, Zahnprothesen, und Kindersachen: Kleidchen, Puppen, Babyrasseln. Allein in Auschwitz sind zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen umgekommen.

Wenn wir uns an diesen Tag erinnern, gedenken wir deshalb der insgesamt mindestens sechs Millionen ermordeten Juden im Dritten Reich.

Wir wissen inzwischen sehr viel über diese Zeit Deutscher Geschichte.

Erreichen uns aber diese Bilder und Informationen überhaupt noch? Lassen wir sie an uns heran? Ja und nein, möchte man sich selbst darauf antworten. Denn noch immer gibt es eine Vielzahl von Fernsehsendungen, Forschungsarbeiten, Veröffentlichungen, Büchern und Zeitungsartikeln zu diesem Thema – aber wir hören auch immer wieder und gerade von jungen Leuten: Was geht mich das überhaupt noch an?

Die Ausstellung wie die, die wir heute eröffnen, zeigt deshalb nur wenige Schreckensbilder. „Das Gesicht des Gettos“ das heute gezeigt wird, ist das Gesicht des Ghettos der Textilmetropole Lódz, die 1940 in Litzmannstadt umgetauft wurde.

Wenn man sich diese Fotos so ansieht, ist das „Gesicht des Gettos“ ein scheinbar alltägliches, ja fröhliches Gesicht. Das Grauen verbirgt sich weitgehend dahinter. Denn diese Fotografien waren von der Selbstverwaltung des Gettos, dem Judenrat, zu Vermarktungszwecken in Auftrag gegeben worden. "Unser einziger Weg ist Arbeit" lautete dessen Credo, mit dem er die Nützlichkeit und damit die Existenzberechtigung und Unentbehrlichkeit der Menschen im Ghetto zu sichern suchte: 1943 arbeiteten dort über 60.000 Menschen. In erster Linie wurden für die Heeresbekleidungsämter Uniformen angefertigt, aber auch ein Teil der Kollektionen von Privatfirmen wie Josef Neckermann und dem Hamburger Alsterhaus wurden hier genäht. Die Fotos entstanden also im Auftrag des Judenrates für eine offizielle Verwendung. Sie sollten den funktionierenden Alltag im Getto und die Produktivität seiner kriegswichtigen Betriebe dokumentieren, das alles in der Hoffnung, die Überlebenschancen der Arbeitenden zu erhöhen.

Deshalb zeigen uns die meisten der Fotografien Momentaufnahmen aus den Produktionsstätten: Männer und Frauen bei der Arbeit, viele Kinder darunter. Dazu Aufnahmen aus Wohnungen und Geschäften, Schulen, Kinderkolonien und Säuglingsstationen und von offiziellen Auftritten des Judenältesten Rumkowski, Bilder sogar von einer Hochzeit. Sie alle professionell beleuchtet und fokussiert. Heimlich und beim Beobachten unter Lebensgefahr entstanden die Bilder der Deportationen, der Weg zum Verladebahnhof. Diese Bilder sind zum Teil unscharf und aus größerem Abstand aufgenommen.

Deshalb müssen wir bei diesen Fotos genau hinsehen, um das Grauen zu sehen. Denn selbst Leiterwagen mit Kleiderbündeln und Menschen, die sich bereit machen zum Verladebahnhof Radegast zu ziehen, sind noch nicht per se schreckenerregende Bilder. Erst der Kommentar, der in der Ausstellung dem Bild zugeordnet ist, stellt das Foto in den historischen Kontext: Dort ist kommentiert: „Erst wenn der ‚Auftrag auf Menschen‘ ( d.h. die Forderung der Deutschen, eine bestimmte Anzahl Menschen zur Deportation auszuwählen), nicht ordnungsgemäß ausgeführt wurde, droht man das ganze Ghetto aufzulösen. (…)“

Das hieß für den Judenältesten Mordechai Rumkowski: Er hatte die Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos zu selektieren. Zitat: „Man verlangte von mir 24.000 Opfer, dreitausend innerhalb von je acht Tagen. Doch gelang es mir die Zahl auf 20.000 zu drücken, vielleicht weniger als 20.000, allerdings unter der Bedingung, daß es Kinder bis 10 Jahre sind. Kinder über 10 Jahre sind sicher. Da die Zahl der Kinder zusammen mit den Alten je eine Zahl von ca. 13 000 ergeben, wird man die Menge erreichen müssen mit Kranken.“

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Das waren die Entscheidungen, die die Selbstverwaltung der Juden im Ghetto noch treffen konnte. Sie mussten die einen opfern, um die anderen zu retten, mussten sich selbst mit schuldig machen, um noch Schlimmeres zu verhüten. Und auch das war auf Dauer vergeblich.

Anders als diese Bilder den Auftraggebern weismachen sollten, war die Not im Ghetto groß: Ohne Kanalisation und fließend Wasser und hermetisch von der übrigen Stadt abgeschottet, lebten auf einer Fläche von 4,13 Quadratkilometer über 160.000 Juden. Nur um deutlich zu machen, was das bedeutet. Das ist, als würde der Befehl kommen, alle 160.000 Einwohner von Leverkusen auf einer Fläche so groß wie Lützenkirchen einzusperren.

Zu diesen 160.000 Menschen kamen weitere 20.000 im Herbst 1941 aus anderen Gegenden ins polnische Ghetto darunter über 4.200 aus Berlin, sowie 5.000 Roma und Sinti aus dem Burgenland. An Hunger und Krankheiten starben schon im Ghetto mehrere zehntausend Menschen; an die 80.000 wurden in zwei Deportationswellen in den Gaswagen von Kulmhof getötet, die verbliebenen 68.000 Bewohner im August 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Was von ihnen bleibt, sind diese Aufnahmen. Aufnahmen, die das Leben im Ghetto zwar schönen, dabei aber den Effekt haben, dass sie Mitmenschen zeigen und keine zum Objekt der Verhöhnung und Verfolgung gemachten "Untermenschen", wie sie damals gerne in Umlauf gebracht wurden.

Und noch eines zeigt diese Ausstellung: Fotografien sprechen nicht ohne weiteres für sich. Erst der Kontext macht sie verständlich.

Ich danke deshalb der Stiftung „Topografie des Terrors“, die am 28. Januar 1992 vom Berliner Senat als Stiftung öffentlichen Rechts gegründet wurde. Sie hat diese Ausstellung erstellt. Ich danke auch dem Kurator Dr. Thomas Lutz, der Sie jetzt detailliert über diese Ausstellung ihre Quellen, Herkunft und Aufbereitung informieren wird.

Bitte sehr Herr Dr. Lutz!


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

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