Grundsteinlegung der Neuen Konzernzentrale der Bayer AG

Aus den Ausführungen von Dr. Ludwig Schmidt
Leiter des Werkes Leverkusen der Bayer AG

Archivmeldung aus dem Jahr 2000
Veröffentlicht: 25.05.2000 // Quelle: Bayer

( Es gilt das gesprochene Wort )

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich begrüsse Sie ganz herzlich zu unserem Pressegespräch über die neue Konzernzentrale. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um sich über dieses Projekt zu informieren. Doch bevor ich auf das neue Gebäude eingehe, möchte ich gerne einen kurzen Rückblick auf die Historie der Konzernzentralen in Leverkusen werfen. Danach werde ich Ihnen die Gründe erläutern, die uns zur Entscheidung für eine neue Konzern-Zentrale geführt haben, und welche Aufgaben und Ziele sich uns dabei stellten.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben ganz bewußt diesen Ort, unser alt-ehrwürdiges Verwaltungsgebäude, für unser Pressegespräch gewählt. Zum einen hat man von hier einen guten Überblick über die Baustelle, zum anderen können wir Ihnen hier die Geschichte und die Baustile der Konzernzentralen bei Bayer auch ein wenig "erlebbar" machen. Sie sind gerade durch das monumentale Portal und die beeindruckende Halle der alten Hauptverwaltung in diesen Raum gekommen. Dieses Gebäude aus der spät-wilhelminischen Epoche brachte damals zum 50jährigen Bestehen der Firma Bayer den Stolz eines Unternehmens zum Ausdruck, das schon international in vielen Ländern tätig war. Der Bau, mit dem 1912 zugleich der Konzernsitz von Elberfeld nach Leverkusen verlegt wurde, bot Platz für 900 Mitarbeiter.

In seiner Bauweise glich sich diese Firmenzentrale staatlicher Repräsentationsarchitektur an. Die Architektur und die eingebrachte Kunst boten den angemessenen Rahmen zum Empfang internationaler Gäste und Kunden. Das Gebäude bot für damalige Verhältnisse in großer Menge moderne Technik und Ingenieurskunst. Fortschrittlich war etwa die vielgerühmte Rohrpostanlage, die zur schnellstmöglichen Verteilung des umfangreichen Schriftgutes notwendig war und die bei 6.000 Meter Gesamtlänge etwa 40 interne Stationen im Gebäude und weitere zehn außerhalb bediente.

Gleich auf dem Weg zum Festzelt betreten wir das Hochhaus, die zweite Generation von Konzernzentralen bei Bayer. Dieser Bau war 1963 zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens errichtet worden. Nach amerikanischen Vorbild entwarf das Architekten-Büro "Hentrich und Petschnigg" eine Stahlskelettkonstruktion, die ganz im Sinne des damaligen gesellschaftlichen Bewußtseins den funktionalen Bau leicht und transparent wirken ließ. Mit der konsequenten Rasterung der Fassade und mit den sichtbaren Stahlstützen sicherte sich der Bau eine internationale Avantgardeposition. Mit seiner Höhe von 122 Metern war das Bayer-Hochhaus in seiner Zeit das größte Bürogebäude in der Bundesrepublik und demonstrierte die optimale Ausnutzung teurer und wertvoller Grundfläche.

Jetzt stehen wir vor einer neuen Epoche der Baukunst auf unserem Werksgelände, während die Tage des Hochhauses gezählt sind. Bis es zu der Entscheidung Neubau und damit Abriß des Hochhauses kam, haben wir uns auch mit der Variante Sanierung beschäftigt.

Allerdings, und das war uns allen klar: Dieser 32stöckige Turm ist "in die Jahre" gekommen und technisch und wirtschaftlich nicht mehr zeitgemäß.
Die Fassade, die Fenster und vor allem die gesamte Technik wären zu erneuern gewesen.

Eine so aufwendige Modernisierung hätte bedeutet, das Gebäude zunächst quasi in den Rohbauzustand zurück zu versetzen. Alle 800 heute dort arbeitenden Mitarbeiter und der Vorstand hätten für zwei Jahre in anderen Gebäuden untergebracht werden müssen. Ein schier unmögliches Unterfangen.

Ein weiterer Grund für die Neukonzeption: Ursprünglich war "W 1" – so die interne Bezeichnung für unser Verwaltungshochhaus – für über 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vertriebsbereiche geplant. Riesige Großraumbüros waren damals der Standard. Bei dieser Grundkonzeption bleibt den heutigen Architekten nur wenig Spielraum für eine zeitgemässe Büroraumplanung.

Bei Abwägung all dieser Aspekte sprach schon sehr früh sehr viel für einen Neubau. In diesem Fall ist es kein Problem, moderne, neue Techniken zu berücksichtigen. Zudem war klar, dass unser zukünftiger Verwaltungssitz bei weitem nicht die Größe des bisherigen brauchen würde. Denn zum einen erfordern veränderte Organisationsformen nicht mehr die frühere Zentralisierung in einem Gebäude, da heutzutage die Geschäftsbereiche ihre operative Eigenständigkeit haben. Zum anderen steht weiterer Büroraum an anderen Stellen im Leverkusener Werk zur Verfügung.

Und auch die Kostenfrage war natürlich ein gewichtiges Argument für die Entscheidung. Bei Berücksichtigung aller notwendigen Kosten von Sanierung, Renovierungs- und Umzugskosten war der Neubau – eine Investition von rund 50 Millionen Euro - plus Kosten für die Renovierung der anderen Bürogebäude auf dem Werksgelände plus Kosten für den Abriß des Hochhauses immer noch die preiswertere Lösung im Vergleich mit der Sanierung des Hochhauses.

Im November 1997 fasste der Vorstand dann den Beschluss für den Bau eines neuen Gebäudes und für den Abriß von W 1. Nachdem diese Grundsatzentscheidung gefallen war, ließ das Unternehmen Entwürfe von internationalen Architekten anfertigen. Unsere Vorgabe war, ein kleineres, ein technisch modernes und ein architektonisch dem Zeitgeist angepasstes Gebäude zu entwerfen, das sich zudem in das Ensemble der bestehenden Häuser rund um das Bauareal harmonisch einfügt.

Sieben Entwürfe von renommierten Architekten aus fünf Nationen standen zur Auswahl. Anfang Juli 1998 fiel die Wahl auf den Entwurf von Helmut Jahn. Das repräsentative Erscheinungsbild, die innovative Gebäudetechnik, die Funktionalität und die Transparenz als Sinnbild für einen weltoffenen Konzern – das waren die wichtigen Kriterien bei dieser Entscheidung zugunsten von Helmut Jahn. Mit dem Zuschlag für das lichtdurchflutete Gebäude mit seinen verglasten Außenwänden war auch über die Plazierung der neuen Konzernzentrale entschieden: gegenüber dem alten Verwaltungssitz und zwischen dem Kasino und dem dann abzureißenden Hochhaus.

Die neue und repräsentative Zentrale, in die der Vorstand mit seinen Stabsabteilungen – etwa 275 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – einziehen soll, wird voraussichtlich im Dezember 2001 bezugsfertig. Die Büros sind dann durch eine gebäudehohe gläserne Eingangshalle zu erreichen, der eine langgestreckte, überdachte Vorfahrt parallel zur Kaiser-Wilhelm-Allee vorgelagert ist. Im Inneren sorgt innovative Technik für einen geringen Energieverbrauch. Eine Tiefgarage im Untergeschoß bietet rund 150 Stellplätze.

Sehr gut gelöst ist auch die Anbindung des Gebäudes an den Carl-Duisberg-Park. So erhält der viergeschossige neue Verwaltungssitz die Form einer Halbellipse, die sich dem Gelände zuordnet. Durch die Bogenform des Baukörpers verbleibt genügend Parklandschaft, so dass der Zugang und die Sichtverbindung zum Park offenbleibt.

Für die weiteren knapp 600 bisherigen Hochhaus-"Bewohner" wird derzeit in bestehenden Gebäuden innerhalb des Werksgeländes Büroraum renoviert. Wenn die neue Konzernzentrale fertig ist, werden als letztes der Vorstand und seine Stabsabteilungen umziehen.

Dann nähert sich das Ende der Hochhaus-Ära. Die Demontage erfolgt unmittelbar nach der Fertigstellung der neuen Konzernzentrale und wird voraussichtlich Ende 2002 beendet sein. Der Rückbau soll umgekehrt zum Aufbau des Gebäudes passieren: Zunächst wird im Inneren die gesamte Einrichtung und Technik ausgebaut, ehe die Fenster abgetragen werden.
Schließlich wird als letztes das Stahlskelett von oben nach unten demontiert.

Meine Damen und Herren, die heutige Grundsteinlegung ist ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Bayer-Konzerns, die sich auch in den verschiedenen Baustilen widerspiegelt, die sich hier zu einem "Ensemble" vereinen. Denn außer dem in der Jugendstil-Zeit errichteten Verwaltungsgebäude und dem Kasino, haben wir im Stile des Neo-Klassizismus das alte Pharma-Verwaltungsgebäude am Ende der Kaiser-Wilhelm-Allee. Ebenfalls an dieser Straße befindet sich ein Ingenieurgebäude, dass im gleichen funktionalistischen Stil wie das Hochhaus in den 60er Jahren errichtet wurde.

Jetzt entsteht zum dritten Mal hier eine neue Konzern-Zentrale, die nicht nur ein klares Bekenntnis des Unternehmens zu dieser Stadt ist, sondern sicherlich wie auch seine zwei Vorgängerbauten sowohl Zeitgeist wie auch das Selbstbewußtsein eines Weltkonzerns zum Ausdruck bringt.


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