Sigmar Polke. Fotografien 70 - 80


Archivmeldung aus dem Jahr 2018
Veröffentlicht: 27.05.2018 // Quelle: Internet Initiative

Im Museum Morsbroich wurde heute die Ausstellung "Sigmar Polke. Fotografien 70 - 80" eröffnet. Seine Rede nutzte der Bürgermeister auch für grundsätzliche Anmerkungen zum Schloß Morsbroich.

Wir dokumentieren hier die Rede von Bürgermeister Bernhard Marewski anhand seines Manuskriptes:
"Sehr geehrter Herr Schwarz,
sehr geehrter Herr Polke,
sehr geehrter Herr Dr. Emslander,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Ausstellung, die wir heute eröffnen, heißt – ganz einfach: „Fotografien 70 - 80“
Vielleicht hätte Sigmar Polke sie damals ganz ähnlich genannt.
Zwei seiner frühen Ausstellungen - 1977 und 1978 - trugen einen vergleichbar prosaischen Titel: „Sigmar Polke . Fotos“.

Die Fotos, die Sie heute in Leverkusen sehen, stammen aus den 70er Jahren und sie werden hier großenteils erstmals überhaupt gezeigt. Darüber dürfen wir uns sehr freuen.
Ich möchte mich bei Georg Polke, dem Sohn Sigmar Polkes, ausdrücklich bedanken, er stellt die Fotos dem Museum Morsbroich als Leihgabe zur Verfügung und hat damit überhaupt erst diese Ausstellung ermöglicht.

Sigmar Polke, 1941 im niederschlesischen Oels geboren, 2010 in Köln gestorben, zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kunstszene des 20. Jahrhunderts und zu den bedeutendsten Künstlern international.

Das MoMA - Museum of Modern Art - in New York hatte nach seinem Tod die große Retrospektive organisiert, die dann nach London wanderte und 2015 auch in Köln zu sehen war.

Im Überblick erwies sich Polke dort als ein Künstler, der virtuos mit den Medien spielte, wobei neben der Malerei die Fotografie und die Druckgrafik seine bevorzugten Felder bildeten.

Die Grenzen zwischen diesen Bereichen löste Polke systematisch auf. So setzte er in seinen Gemälden auch fotografische Substanzen ein, Druck-Raster verwandelte er wiederum in Gemälde, und Fotografien wurden unter seinen manipulierenden Händen zu malerisch wirkenden Unikaten.
Das Experiment und die Metamorphose sind wesentliche Bestandteile seiner Arbeit.

Polkes ständiger Begleiter war offensichtlich seine Kamera – ein Umstand, der heute selbstverständlich erscheint, damals aber durchaus Teil einer künstlerischen Strategie war.

Polke war, das lässt bereits ein schneller Gang durch die Ausstellung erahnen, stets auf der Jagd nach den flüchtigen Erscheinungen des Lebens.
Er war auch stets zu einem Scherz vor der Linse aufgelegt.

In zahlreichen Aufnahmen zeigt der Künstler sein persönliches Umfeld: zu Hause, zunächst in Düsseldorf (wo er bis 1967 an der Kunstakademie studiert hatte), ab 1972 dann auf dem Gaspelshof in Willich am Niederrhein, wo sich eine legendäre Künstlerkommune zusammenfand - später, nach dem Umzug 1978, dann in Köln.

Wir sehen Bilder, die auf Vernissagen und auf Reisen nach Paris, Sizilien oder Tunesien entstanden – schließlich auch solche von der Biennale in Venedig 1986, wo Polke für seine Gestaltung des Deutschen Pavillons den Goldenen Löwen verliehen bekam.

Innerhalb des fotografischen Gesamtwerks stellen die 70er Jahre wohl Polkes vielseitigste Schaffensperiode dar.

Die Aufnahmen dienten ihm als Ausgangsmaterial für künstlerische Versuche in der Dunkelkammer aber auch für frühe, ebenfalls sehr experimentell umgesetzte Druckgrafiken.
Einige davon werden hier im ersten Stockwerk präsentiert.

Besonders bemerkenswert, im wahrsten Sinne des Wortes ansprechend, so meine ich, sind aber die Fotografien, in denen wir dem Künstler selbst begegnen:

Gleich im ersten Raum sitzt Polke im Schaumbad, neben ihm „Dog“, sein damaliger Hund.

Sie erinnern sich, meine Damen und Herren, vielleicht noch an das Treffen Sigmar Polkes mit Gerhard Richter in der Badewanne, das vor zwei Jahren das Plakat zur Ausstellung „polke / richter“ in der Grafiketage zierte. Dass dieses verstörend intime Zusammen-Baden allein für die Fotografie inszeniert war, verriet der Stöpsel, der außen an der Wanne hing.
Hier nun ist das Wasser aber eingelassen. Polke taucht ab, sein Kopf taucht von Schaum gekrönt wieder auf. Er blickt uns unverhohlen an, und wir sind dem Künstler ganz nah.

Weniger Meter weiter treibt der Künstler noch mehr Schabernack:
In Kassel, wo er 1977 an der Documenta VI teilnahm, gibt Polke in einer Porträtreihe die drei Affen: Er schließt die Augen, hält sich sodann einmal die Ohren, einmal den Mund zu.

Wie Polke seine Fotografien verschiedenen Verwandlungen unterzieht, so zeigt auch er selbst sich enorm wandlungsfähig und charismatisch:
Er erscheint im Pelzmantel und Sonnenbrille oder aber mit der Sense in einer Schlangen-Hose.
Mal ist er wie zur Skulptur erstarrt in einer Grotte, mal springt er wie ein Derwisch durchs Bild. Wir werden Zeuge, wie Polke albern aus einem Rettich einen überdimensionierten Joint macht, später werden wir auch selbst von ihm ins Visier der Kamera gerückt.

Vieles wirkt sehr spontan, spielerisch und unmittelbar.
Es wirkt beinahe ansteckend: Wenn uns dieser Polke die Kamera reichte, würden wir sie nur allzu gerne nehmen und eintauchen in dieses Spiel, in diese ungemein lebendige Künstlerszene der 70er Jahre.

Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, dass Ihnen das in Gedanken ein Stückweit gelingt, wenn Sie gleich durch diese wunderbare Ausstellung gehen.


Erlauben Sie mir bitte vor Ihrem Rundgang noch einige Anmerkungen.

Ich möchte mich bei den Medien bedanken für die Unterstützung, insbesondere beim Leverkusener Anzeiger und der Rheinischen Post (Das Museum Morsbroich ist nicht an einer [Vor-]Berichterstattung durch Leverkusen.com interessiert).
Die freundlich einladenden Vorberichte sind mehr als nur Ankündigung: sie informieren, zeigen Hintergründe, stellen Zusammenhänge her, machen neugierig!

Oft ist in unserer Stadt zu hören: Was bietet eigentlich Leverkusen?
Die Antwort ist ganz einfach: Eine ganze Menge!
Man muss nur wahrnehmen wollen und wahrnehmen … und sich auf den Weg machen.

Wir haben eine vielfältige freie Szene von Künstlern und Kunstschaffenden, reiche Angebote, selbst kulturell aktiv zu werden.
Wir haben auch vielseitige und anspruchsvolle Kulturangebote für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.
Und : Wir haben unser herausragendes Museum für Gegenwartskunst,
unser Museum Morsbroich.

Leverkusen ist KULT. Leverkusen ist KULTur!

Aus begründetem Anlass einige Worte zur augenblicklichen Diskussion um das Museum:

Der Rat der Stadt Leverkusen hat in seiner Sitzung am 26.02.2018 mit klarer Mehrheit beschlossen, das vom Museumsverein Morsbroich e. V. erarbeitete „Standortkonzept für die Zukunftssicherung von Schloss Morsbroich in Leverkusen“ zu verfolgen und möglichst so umzusetzen.

In anerkennenswerter Weise hat der Museumsverein in16 Monaten ganze Arbeit geleistet … und mit hohem eigenen Sachverstand und Hinzunahme von Experten ein stimmiges und zukunftsfähiges Konzept für die die gesamte Liegenschaft Schloss Morsbroich erstellt und veröffentlicht.
Man kann dieses Konzept über die Webseite des Museums jederzeit nachlesen.
Und genau diesem Konzept soll gefolgt werden - mit Bedacht ! und möglichst weit vorausschauend.

Manchem mag das jetzt vielleicht alles nicht schnell genug gehen.
Seien Sie aber versichert, wir sind auf gutem Wege und wir haben die gesteckten Ziele klar im Blick.

Außer Zweifel steht: Die Stelle der Museumsdirektorin/ des Museumsdirektors wird neu besetzt, wenn möglich: zum 1. Januar 2019.
Aber wir lassen uns da nicht hetzen.

Das brauchen wir auch deshalb nicht, weil wir mit Dr. Fritz Emslander und Dr. Stefanie Kreuzer zwei hervorragende Kuratoren haben.

Deshalb war es uns auch wichtig, nicht bei der allgemeinen Formel zu bleiben, beide mögen „bis auf Weiteres“ erst einmal so weitermachen. So erklärt sich die klare Aussage zu Aufgabenübernahmen bis zum 31.12.2018 – den 1. Januar 2019 im Blick.
Und genauso klar und auch rechtzeitig werden wir die nächsten Schritte gehen.

Eine solche Zukunftsaufgabe wie die Weiterentwicklung unseres Museums Morsbroich wird nur zu bewältigen sein über einen größtmöglichen Konsens.

Und diesen Konsens erreichen wir am besten durch eine gute interfraktionelle Zusammenarbeit im Rat der Stadt Leverkusen, in dem letztlich auch die Entscheidungen getroffen werden.

Hierzu bedarf es einer hohen Dialogbereitschaft aller, bedarf es vieler Gespräche mit allen am Thema Beteiligten, insbesondere mit den Repräsentanten des Museumsvereins.
Die Mitglieder des Museumsvereins haben nicht nur mit starkem bürgerschaftlichen Engagement ein in sich schlüssiges „Standortkonzept für die Zukunftssicherung von Schloss Morsbroich“ entwickelt, sondern sie verfügen zudem über beste Kontakte zu Förderern und möglichen Förderern unseres Museums. Und ohne diese wird es nicht gehen.

Schließlich ist im weiteren Vorgehen dafür Sorge zu tragen, dass zu allen Entscheidungen eine größtmögliche Transparenz gegeben ist.

Denn, wenn wir die Menschen unserer Stadt nicht konsequent mitnehmen und deren Akzeptanz erreichen, … werden die gesteckten Ziele im neuen Standortkonzept nicht erreichbar sein.

Ich meine, ein Ziel, ein inhaltliches Ziel !, darf bei allen Überlegungen auf keinen Fall infrage gestellt werden:

Das Museum Morsbroich wurde 1951 als erste Neugründung eines Museums für Gegenwartskunst in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland eröffnet … das Schloss sollte ausschließlich kulturellen Zwecken dienen.

Das seinerzeit gegründete Kuratorium hatte sich die Aufgabe gestellt, „(…) ständige Ausstellungen lebender Künstler zu veranstalten, und allen Kunstrichtungen ohne Voreingenommenheit und einseitige Bevorzugung einzelner Gelegenheit zu geben, ihr Können zu zeigen und sich der Kunstkritik und auch dem Publikum zu stellen.“
1951 wurde der legendäre Rang von Morsbroich als Heimat von junger, experimenteller und wegweisender Kunst begründet.

Ohne damit die Leistungen der verschiedenen Museumsleitungen schmälern zu wollen, möchte ich Udo Kultermann (Museumsdirektor 1959 – 1964) zitieren, der 1962 seine Überzeugungen folgendermaßen zusammenfasste:
„Das Museum Morsbroich will also der Kunst wieder den lange verlorenen Platz in der Mitte der Gemeinschaft geben, also die Mauern des Museums niederreißen. Denn es ist absurd zu glauben, ein Museum bestehe um seiner selbst willen; es hat vielmehr genau bestimmbare Funktionen in der Gemeinschaft. Auch die Kunst ist nicht nur für die Kunst da.“ (Quelle: www.museum-morsbroich.de)

Dazu passen die von Kultermann organisierten Morsbroicher Kunsttage, einem 3-tägigen Festival, das die gesamte Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger umfassen sollte. In den Sparten Tanz, Musik, Film, Theater, Grafik und Malerei nahmen lokale wie international bekannte Künstler teil, zu Vorträgen wurden Max Bense und Theodor Adorno eingeladen. (Quelle: www.museum-morsbroich.de)

In diesem Sinne sollte unser Wirken heute und in der Zukunft unter dem Motto stehen:
„Wir geben den Menschen das Schloss Morsbroich zurück.“

Und genau das geschieht - sehr konkret am kommenden Sonntag, am 2. Juni von 11 bis 17 Uhr hier im Schloss mit dem Aktionstag „Museum FÜR ALLE“ … mit freiem Eintritt, kostenlosen Führungen durch die Ausstellung Sigmar Polke, einer Kreativwerkstatt und einem gezielt familienfreundlichen Programm.
Der ausdrückliche Dank geht hier an die Gastgeber, das Museum Morsbroich und die Sparkasse Leverkusen.

Wenn das nicht eine hervorragende Gelegenheit ist für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, zahlreich zu kommen und damit sich zu unserem Schloss zu bekennen!

Seien Sie versichert, wir werden den eingeschlagenen Weg zur Zukunftssicherung unseres Museums so zügig wie möglich … aber mit der notwendigen Sorgfalt weitergehen.

Dabei können wir uns keine Eskapaden leisten, denn einen „Plan B“ gibt es hier nicht … es sei denn, wir verscherbeln die gesamte Liegenschaft.
Ein völlig absurder Gedanke.

Zur kommunalen Daseinsvorsorge gehört die Bereitstellung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Dienstleistungen für alle Bürgerinnen und Bürger … ebenso wie öffentliche kulturelle Einrichtungen.
Das Kleinod Schloss Morsbroich ist unverzichtbar.

Ich beziehe hier aus sicher nachvollziehbaren Gründen eine klare Position, die ich im Übrigen durchaus im Einklang mit der Mehrheit des Rates einschätze:

Künstlerinnen und Künstler, deren Werke unser Museum für Gegenwartskunst Morsbroich beherbergt - als Leihgaben, Ankäufe oder Schenkungen - … sowie Mäzene, Sponsoren und weitere Förderer der Kunst unseres Museums Morsbroich haben einen Anspruch darauf, zu wissen, ob sie sich auf uns verlassen können.
Und das sage ich hiermit zu.

Ich bedanke mich abschließend ganz herzlich beim Museumsverein, der uns auch weiterhin beratend zur Seite stehen wird."


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Kultur
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