Astrid Höfte pendelt zwischen Lindner-Hotel und Trainingsgelände

Die freundliche Empfangsdame hofft auf einen weiten Satz

Archivmeldung aus dem Jahr 2004
Veröffentlicht: 06.09.2004 // Quelle: TSV Bayer 04



Der Empfang gilt als Visitenkarte für ein Hotel. Auch im Lindner-HotelBayArena“ soll der erste Eindruck direkt überzeugen. Häufig kümmert sich daher eine junge blonde Frau an der Rezeption mit viel Charme um den Gast. Nach Feierabend ist Astrid Höfte auf anderem Terrain nicht minder gefordert. Die 25–Jährige betreibt erfolgreich Leistungssport und nimmt im September - zum zweiten Mal nach Sydney 2000 - an den Paralympics, den Spielen der körperlich Behinderten, im Weitsprung teil.

Da bei ihrer Geburt der rechte Unterschenkel fehlte, trägt sie seitdem am rechten Bein eine Unterschenkelprothese. In der Medizin spricht man in solchen Fällen von Dysmelie. Hierbei sind durch Abschnürungen im Mutterleib die Gliedmaßen nicht vollständig entwickelt. Vor vier Jahren in Australien verpasste sie im 100 und 200 Meter-Lauf als jeweils Vierte knapp das erhoffte Edelmetall. In Athen schielt sie schon mit einem Auge auf das Podium, obwohl die internationale Konkurrenz sehr stark ist. So steht der Weltrekord mittlerweile bei 4,88 Metern, ihre persönliche Bestleistung im Weitsprung beträgt 4,08 Meter. „Eine Medaille wäre natürlich ein Traum.“

So pendelt die Sportlerin stetig zwischen "Lindner Hotel" und den benachbarten Sportanlagen des TSV Bayer 04. In ihrer 40-Stunden-Woche ist sie im Job als Front Desk Manager für den Empfang zuständig und kümmert sich dort um Fragen und Nöte der Gäste. „Die Atmosphäre im Hotel und der direkte Kontakt mit Menschen machen mir großen Spaß“, sagt Astrid. Auch Direktorin Stefanie Schmitz lobt ihre Mitarbeiterin: „Wir sind alle richtig stolz auf sie.“

Um den Spagat zwischen Beruf und Leistungssport zu bewerkstelligen, arbeitet Astrid Höfte im Schichtdienst. Nur so lässt sich an fünf Tagen in der Woche jeweils zwei Stunden zielgerichtetes Training unter Karl-Heinz Düe ermöglichen.

In der Leichtathletik hat sich der Lockenkopf auf die Sprintdisziplinen sowie den Weitsprung spezialisiert. Mit den Ausdauerdisziplinen hat sie dagegen keine Freundschaft geschlossen: "Alle Distanzen über 400 Meter sind doch die reine Quälerei", meint sie mit einem Schmunzeln. Auch ein prominenter Sponsor hat sich für die 200-Meter-Europameisterin von 2001 gefunden. So zählt sie als einzige Behindertensportlerin zum sogenannten „Visa-Team“ des gleichnamigen Kreditkartenunternehmens, zusammen mit illustren Namen wie Thomas Rupprath oder Sina Schielke. Außerdem liefert ihr die Firma Össur die Spezialprothese aus Karbonmetall, deren Herstellungskosten über 5.000 Euro betragen.

Die Leichtathletin stammt aus dem westfälischen Münster und hat dort auch bald nach der Einschulung mit dem Sport begonnen. Der erfolgreichen Abiturprüfung 1998 folgte die Ausbildung im Hotelgewerbe, die 2001 im Bayer Kasino abgeschlossen wurde. Zuvor war nach Kontakten zu Jörg Frischmann, Geschäftsführer Behindertensport beim TSV, im September 1999 der Vereinswechsel aufgrund der in Leverkusen vorhandenen exzellenten Trainingsmöglichkeiten amtlich.

Die Schattenseiten der Doppelbelastung hat die ehemalige Sitzvolleyball-Nationalspielerin ebenfalls schon kennen gelernt. Speziell im Sommer 2002, als sie sich aufgrund getrübter Motivation eine sechsmonatige Auszeit gönnte. Dann meldete sich das Verlangen nach sportlicher Betätigung jedoch wieder so stark, dass der Neubeginn erfolgte. Wertvolle Unterstützung erhielt sie in dieser Phase insbesondere durch zwei Menschen: "Mein Trainer und Jörg Frischmann haben mir immer zur Seite gestanden und an mich geglaubt, auch wenn es mir nicht gut ging", betont sie dankbar. "Ein Leben ohne Sport kann ich mir nun nicht mehr vorstellen", fügt sie lächelnd hinzu.

In Athen wird sie in der Klasse T/F 44 an den Start gehen. T/F ist das Kürzel für "Track and Field", dem amerikanischen Begriff für Leichtathletik-Wettbewerbe. Ausgehend vom Grad der Behinderung werden die Aktiven in verschiedene Klassen eingeteilt. Während die Zahl 44 Unterschenkelamputierte Athleten betrifft, erhalten z.B. Armamputierte Sportler die Ziffer 46. Durch eine Änderung des Weltverbandes wurden leider die 100 und 200 Meter aufgrund zu geringer Teilnehmerzahlen aus dem olympischen Programm gestrichen. So ruhen eben alle Hoffnungen von Astrid Höfte auf einem „weiten Satz“ im Weitsprung - wo sie am 20. September ausgerechnet gegen ihre Vereinskollegin Katrin Laborenz antreten muss.


Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

Kategorie: Sport
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