Tag der Heimat


Archivmeldung aus dem Jahr 2012
Veröffentlicht: 02.09.2012 // Quelle: Stadtverwaltung

Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn hielt anläßlich des Tages der Heimat soeben auf dem Friedhof Manfort folgende Rede:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

heute vor 67 Jahren war der zweite Weltkrieg seit einigen Monaten Geschichte - Deutschland war in Besatzungszonen aufgeteilt, viele Menschen aus dem ehemaligen deutschen Osten waren schon in den Westen geflüchtet, sehr viele sollten noch kommen. Sie lebten in Flüchtlingslagern - und waren hier oft nicht willkommen. Der ein oder andere von Ihnen wird das noch als Kind persönlich erlebt haben - oder weiß es aus den Erzählungen der Eltern und der Großeltern.

Erst fünf Jahre nach Kriegsende und ein Jahr, nachdem unser Grundgesetz ratifiziert worden war, wurde allerdings der "Tag der Heimat" ins Leben gerufen. Damals begannen sich die Heimatvertriebenen im öffentlichen Leben der jungen Bundesrepublik Deutschland zu Wort zu melden.

So wurde 1950 die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" veröffentlicht, die sich für ein geeintes Europa aussprach und das Recht auf Heimat als Grundrecht der Menschen beschrieb.

Heute stehen wir hier und Europa ist so weit zusammen gewachsen, dass die Probleme der einen zu den Problemen der anderen werden. Heute sehen wir aber auch ein Europa mit so offenen Grenzen, dass viele Vertriebene wieder Kontakte in die alte Heimat knüpfen konnten und ihren Partnern, ihren Enkeln und Urenkeln zeigen konnten woher sie kommen.

Das tröstet und versöhnt - das Trauma aber bleibt. Wer heute noch lebt, hat die Vertreibung meist als Kind mitgemacht, oft bei Nacht und Nebel auf jetzt und das Zuhause verlassen, auf der Flucht Dinge gesehen und erlebt, die nie wieder hervor geholt werden können oder wollen.

Was auf der Strecke blieb und sich deshalb wahrscheinlich immer ausschließlich mit den Orten und Landschaften der Heimat verbinden wird, ist die Geborgenheit der Kindheit und das Vertrauen darauf, dass die Eltern es schon richten werden.

Sie alle haben mit großem persönlichen Fleiß und großer Beharrlichkeit ihr privates Leben neu aufgebaut und gleichzeitig ein Land, dem es, allen Unkenrufen zum Trotz, gut geht und seinen Bürgerinnen und Bürgern ebenfalls.

Gedenken möchte ich heute aber vor allem denen, die es damals nicht geschafft haben, den rettenden Westen zu erreichen:


  • Der Großeltern und Eltern, der Schwestern und Brüder und allen Menschen, die auf verstopften und verschneiten Straßen ihr Leben lassen mussten, weil sie erfroren oder verhungert sind, oder von der roten Armee überrollt wurden.
  • Derer, die über das Haff flüchteten und für die das Eis nicht hielt.
  • Derer, über denen die eisigen Fluten der Ostsee zusammen schlugen, weil ihre Schiffe torpediert wurden.
  • und nicht zuletzt: Den Menschen und vor allem den Kindern, die auf der Flucht verloren gingen, verschleppt wurden und die seitdem verschollen sind.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern: Noch bis weit in die sechziger Jahre hinein wurden morgens im Rundfunk die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes verlesen. Und dann folgten Lebensgeschichten von Kindern, die während der Flucht aus dem Osten verloren gegangen waren und nun von ihren Angehörigen gesucht wurden.

    Dahinter stehen häufig unfassbare Schicksale, über die in den Familien oft jahrzehntelang nicht gesprochen wurde. Denn wer zum Beispiel ein Kind zurücklassen musste, der leidet nicht nur unter dem Verlust, sondern auch und vor allem unter der Schuld. Dazu kamen die Scham und die Schuld zu der Nation zu gehören, die diesen barbarischen Krieg mit all seinen Grausamkeiten angezettelt hatte.

    Gerade in den Flüchtlingsfamilien kann man voraussetzen, dass solche Erlebnisse das Selbstvertrauen der Eltern massiv erschüttert und die nachfolgenden Generationen beeinflusst haben.

    Auch ich gehöre, in 1946 geboren, zu den Nachkommen der Flüchtlinge aus Ostpreußen. Meine Eltern haben oft geschwiegen und emsig gearbeitet, es zu Wohlstand, zu Haus und Besitz gebracht - und haben, ohne es zu wissen, ihren Teil zum gerade entstehenden deutschen Wirtschaftswunder beigetragen. Auch Sie haben durch ihr langes Schweigen zur Tabuisierung auch in der Familie beigetragen und sich erst später wieder geöffnet. Deshalb ist es gut, dass dieser Tag so regelmäßig stattfindet, denn Verleugnung und Tabuisierung führt zu Wiederholung.

    Es ist deshalb keine falsche Sentimentalität, wenn wir den Tag der Heimat begehen, sondern ein wichtiges Ereignis, auch des Trauerns. Wir dürfen inzwischen - über sechzig Jahre danach - auch unsere Verluste beklagen und betrauern, ohne dabei zu leugnen, dass wir unermessliches Leid über andere gebracht haben.

    Dazu kommt: Vertreibung ist ein Schicksal, das auf der Welt immer wieder erlitten wird:

    In ihrem "Konflikt-Barometer" zählen Forscher des Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung 2011 so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr. 20 Auseinandersetzungen der höchsten Stufe listet das "Konflikt-Barometer 2011" auf - es ist nach Angaben des Instituts die höchste Zahl seit dem Jahr 1945. Die Bilder aus Syrien haben wir tagtäglich vor Augen.

    Sie wissen, was das bedeutet und dass jeder Krieg wieder neue Flüchtlingsströme hervorbringt.

    Sie werden deshalb nicht müde, darauf hinzuweisen, dass auch die Vertriebenen Opfer von Kriegen sind und nicht nur die Verwundeten und Toten. Dass die Menschen, die ihre Heimat verlieren, leider oft dort, wo sie Aufnahme finden, sehr dafür kämpfen müssen, wieder dazuzugehören.

    Allerdings haben einige von Ihnen einen Weg gefunden, die Heimat der Vergangenheit mit den Orten der Gegenwart zu verknüpfen.

    Sie haben es über all die Jahre verstanden, zum Beispiel mit der ehemals schlesischen Stadt Ratibor Kontakte zu pflegen und damit die Grundlage für unsere jüngste Städtepartnerschaft gelegt.

    Ich war gerade erst in Ratibor, dem heutigen Raciborz und wurde dort herzlich aufgenommen. Auch dort sind wir heute in Europa - auch dort sieht man zum Teil aber noch die Wunden des zweiten Weltkriegs. Wichtig ist es, sich an diese gemeinsame Vergangenheit zu erinnern - aber die Augen nach vorne zu richten.

    Wir haben ein Deutschland geschaffen, in dem es sich zu leben lohnt. Lassen sie uns gemeinsam der Toten gedenken, dabei aber nicht vergessen, dass unser Leben auch eine Verpflichtung ist - die Verpflichtung, für eine gute und friedliche Zukunft zu kämpfen."
    Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

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