Gedenken an die Reichspogromnacht 2011


Archivmeldung aus dem Jahr 2011
Veröffentlicht: 09.11.2011 // Quelle: Stadtverwaltung

Das Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 stand heute unter dem Thema "Spurensuche". Wie in jedem Jahr wurde die Gedenkstunde von Schülerinnen und Schülern der Montanus-Realschule und des Landrat-Lucas-Gymnasiums vorbereitet . Mit ihnen gedachten Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn, Rabbiner Kaplan, Superintendent Gert-René Loerken, Pfarrer Manfred Jetter von der evangelischen Kirche und Iman Amir Dzeladini von der islamischen Gemeinde der Judenverfolgung in Deutschland. Musikalisch untermalt wurde die Feierstunde vom Klezmer-Ensemble der Musikschule, das in diesem Jahr die israelische Sängerin Jeanne Rabin begleitete.

Oberbürgermeister Buchhhorn hielt folgende Rede
"Sehr geehrter Herr Bürgermeister Busch,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ganz herzlichen Dank an die Sängerin Jeanne (Gini) Rabin, die wir soeben in Begleitung des Klezmer-Ensemble gehört haben. Jeanne Rabin hat den weiten Weg von Israel nach Deutschland auf sich genommen, um heute mit uns gemeinsam den Opfern der nationalsozialistischen Gewalt- und Schreckensherrschaft zu gedenken. Ähnlich wie die jungen Leute, die sich anlässlich des heutigen Gedenktages mit der Vergangenheit befasst haben, hat sich Jeanne Rabin auf die Spurensuche ihrer Familie begeben. Viele ihrer Angehörigen haben die Gräuel der Nazis nicht überlebt, ihre Eltern gehörten zu den wenigen, die den Holocaust überlebten und Zeitzeugen dieses so düsteren Teils deutscher Geschichte wurden.

Mein Dank an Sie, sehr geehrte Frau Rabin, dass Sie heute ein Zeichen der Versöhnung setzen und wieder unter uns sind. Ich hatte ja bereits im Frühjahr die Gelegenheit, Sie in unserer Stadt willkommen zu heißen.

ich begrüße Sie zum heutigen Gedenken an die Reichspogromnacht 1938. Es ist jedes Jahr der 9. November, an dem wir an diese Nacht erinnern. Und in jedem Jahr versuchen wir bei diesem Gedenken einen neuen Aspekt herauszustellen.

Das heißt, die Lehrkräfte des Landrat-Lucas-Gymnasiums und der Montanus-Realschule entwickeln ein Thema, das sie auch im Geschichtsunterricht vertiefen können. Idealerweise etwas, das junge Menschen auch heute noch angeht, mit dem sie sich identifizieren können, das den Transfer vom eigenen Leben auf das Leben vor mehr als 70 Jahren zulässt.

Denn die dreißiger Jahre waren zwar natürlich eine andere Zeit - aber es waren auch damals Nachbarn und Freunde, denen Gewalt angetan wurde. Es waren Eltern von Mitschülern, der Kaufmann um die Ecke, der Lehrer oder Arzt, dem die Scheiben eingeschlagen, der msshandelt oder deportiert wurde.

Ein gerade aktuell auf dem Markt erschienenes Buch des Wissenschaftlers Götz Aly mit dem Titel "Warum die Deutschen, warum die Juden" beginnt?, ich zitiere:

Warum ermordeten Deutsche sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder, und das aus einem einzigen Grund: weil sie Juden waren? Wie war das möglich? We konnte ein zivilisiertes und kulturell so vielschichtiges Volk derart verbrecherische Energien freisetzen? Das bleibt die Frage aller Fragen, die Deutsche beantworten müssen, wenn sie ihre Geschichte verstehen wollen, wenn sie versuchen, die darin eingebundenen Geschichten ihrer Familien sich und ihren Kindern zu erklären.

Noch im 19. Jahrhundert, beschreibt der Historiker Aly, seien Juden, die aus den östlichen Nachbarstaaten zuwanderten, froh gewesen, wenn sie die Deutsche Grenze überschritten hatten.
Sie schätzten die Rechtsicherheit, die wirtschaftliche Freiheit und die Bildungschancen für ihre Kinder, die ihnen Preußen seit 1812 und das spätere Kaiserreich boten. Pogrome, wie sie bis ins 20. Jahrhundert hinein in den Ländern Ost- und Südeuropas verbreitet waren, kannte man in Deutschland nicht mehr.

Gerade deshalb vertrauten die jüdischen Deutschen damals auf Recht und Gesetz, auf die Anständigkeit, Freundschaft und Loyalität ihrer Mitmenschen.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts machten sie jedoch die Erfahrung, dass für sie nichts von alledem galt. Ehepartner ließen sich scheiden, Freunde wandten sich ab, Nachbarn sahen weg - Gesetze, Gerechtigkeit, Berechenbarkeit - es gab keinen Schutz für sie, kein Fundament, nur Abgründe.

Der 9. November 1938 ist ein Datum der Deutschen Geschichte, das eine Zäsur darstellt. Vor dreiundsiebzig Jahren brannten in ganz Deutschland Synagogen - so wie auch die Synagoge, die an dieser Stelle stand. Deutschlandweit geht man heute von über 400 Todesopfern nur in dieser Pogromnacht aus. Juden wurden systematisch misshandelt und ermordet, über 25.000 Menschen in den Tagen um den 9. November verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien wurden zerstört.

Wir wissen alle, dass das nur der Auftakt war, dass keine sieben Jahre später die Amerikaner und Briten abstoßende Aufnahmen aus deutschen Konzentrationslagern um die Welt schicken würden: Die Leichenberge, die Krematorien, die fast verhungerten Gestalten. Diese Bilder haben sich tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

Dennoch - verstehen wir wirklich was damals geschehen ist? Wollen wir verstehen, dass für diese Taten keine anonymen Nazis, sondern eine ganze Gesellschaft verantwortlich war? Mindestens, indem sie billigte, wegschaute und sich hinter den Autoritäten versteckte.

Die Judenvernichtung begann damals mit einer Distanzierung: "Sie sind nicht wie wir." Dies wurde unentwegt gesagt und geschrieben. Vom "Stürmer", von den Lokalzeitungen, von Politikern, von Lehrern, von Pfarrern und von Eltern. Nur wenige trauten sich - je länger es dauerte - dem etwas entgegenzusetzen. Man hätte sich ja selbst zum Außenseiter gemacht.

So wurden Menschen, die uns gestern noch etwas bedeuteten, die uns oft sogar geholfen haben, wie beispielsweise jüdische Ärzte, Anwälte und Pädagogen, zu den "anderen".

Sie wurden nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern als Problem. Von da an, bis zur Vernichtung ihrer Lebensgrundlage durch Boykott, Kündigung und Auflösung von Beamtenverhältnissen, war es nur ein kleiner Schritt.

Dass nicht wenige Deutsche von freiwerdenden Beamtenstellen und der Enteignung jüdischen Eigentums profitierten, sei nur am Rande erwähnt. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, kurz Berufsbeamtengesetz, wurde schon am 7. April 1933 erlassen und erlaubte es den nationalsozialistischen Machthabern, ihnen politisch missliebige und jüdische Beamte aus dem Dienst zu entfernen. Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938 schloss sich nahtlos an die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 an.

Die entfesselte Zerstörungswut aber, die in der Nacht des 9. November 1938 zum Ausdruck kam, war - weil von den Behörden nicht geahndet, ja geduldet - ein verheerendes Signal.

Jetzt wurde nicht einmal mehr die körperliche Unversehrtheit und kulturelle Würde respektiert. Die Synagogen wurden angezündet und vernichtet. Juden wurden verfolgt und getötet.

Noch Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg sprachen wir Deutschen - auch bei solchen Gedenktagen wie heute von "den Nationalsozialisten", "den Nazi-Schergen", "dem NS-Regime" - als seien es von außen gesandte Bösewichte gewesen, die ein ganzes Volk ins Verderben führten. Wie anders würde es klingen, würden wir, würde ich, von: "Wir Nazi-Schergen", "Wir Nationalsozialisten", "Unser NS-Regime " sprechen?

Da stellen sich uns heute die Haare vor Widerwillen auf - zu Recht. Damals aber war es unser Regime. Das Regime, dem wir mit einer demokratischen Wahl zur Macht verholfen haben, das unsere Eltern und Großeltern vielleicht nicht aktiv unterstützt, aber zumindest gebilligt haben.

Denn anders wäre auch eine Nacht wie der 9. November 1938 nicht möglich gewesen. Dieser 9. November geschah vor jedermanns Haustür. Die Menschen, die hier zu Schaden kamen, waren keine Unbekannten.

Nach dem zweiten Weltkrieg hieß es oft "Wir haben von alledem nichts gewusst".

Thomas Mann analysierte diese Haltung schon im November 1941 in einer vom Radiosender BBC ausgestrahlten Rede an die deutschen Hörer:

"Das Unaussprechliche, das in Russland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wisst ihr, wollt es aber lieber nicht wissen aus berechtigtem Grauen vor dem ebenfalls unaussprechlichen, dem ins Riesenhafte herangewachsenen Hass, der eines Tages, wenn eure Volks- und Maschinenkraft erlahmt, über euren Köpfen zusammenschlagen muss. Ja Grauen vor diesem Tag ist am Platz und eure Führer nutzen es aus. Sie, die euch zu all diesen Schandtaten verführt haben, sagen euch: Nun habt ihr sie begangen, nun seid ihr unauflöslich an uns gekettet, nun müsst ihr durchhalten, bis aufs Letzte, sonst kommt die Hölle über euch."

Thomas Mann meint hier den Hass, der von außen über den Deutschen zusammenschlagen musste. Genauso aber könnte man dieses Zitat darauf beziehen, dass der Hass und die Grausamkeit der vielleicht zunächst noch unterstützten Machthaber auch jeden in Deutschland treffen konnte und einschüchtern musste. Man sah ja, was dabei herauskam, wenn man abwich. In der gerade eröffneten Ausstellung "ZeitRäume" in der Villa Römer hängt ein Originalplakat aus dieser Zeit, das da heißt "Wer sich nicht einordnet, wird ausgeordnet". Auch der Besuch dieser Ausstellung sei jedem empfohlen, der sich über Abläufe und Methoden des Dritten Reiches informieren möchte und was das für Leverkusen bedeutete.

Ich kann mir vorstellen, dass bei allem, was wir inzwischen über den Holocaust wissen und reflektiert haben, eine Ermüdung - gerade bei jungen Leuten - einsetzen kann, dass man sich fragt "Was habe ich heute noch damit zu tun?"

Aber der Nationalsozialismus gehört für jeden von uns auch zur Familiengeschichte. Wer die Großeltern fragt, "Wart ihr Nazis, oder eure Eltern?" wird manchmal verblüffende Geschichten zu hören bekommen. Und hinter ausweichenden Antworten steht oft auch einfach nur Scham. Denn in einer Diktatur werden alle zum Opfer, die nicht vollständig auf Seiten der Machthaber stehen, die letztlich aus Angst sich anpassen und ihre Werte verleugnen.

Deshalb ist es jeder Generation aufs Neue aufgegeben, eine Haltung zum Nationalsozialismus und dessen Verbrechen zu finden.

Wenn dieses jährliche Gedenken hier einen Sinn haben soll und davon bin ich überzeugt, dann, weil wir es als Mahnung nehmen - und vor allem schätzen, was uns davor beschützt und verhindert, dass so etwas in Deutschland wieder möglich wird. Und das ist zum einen die Moral. Moralische Werte aber werden geschützt von rechtsstaatlichen Prinzipien und Strukturen.

Ein Grundgesetz, das sich auf die Menschenrechte gründet, das die bürgerlichen Rechte schützt und die Rechtsstaatlichkeit zur Grundlage aller nachfolgenden Gesetze macht, schützt uns alle. Die Gewaltenteilung verhindert zu große Machtfülle der einzelnen staatlichen Funktionen.

Gesetze und staatliche Institutionen scheinen sehr trocken - nicht gerade geeignet, sie mit positiven Emotionen aufzuladen.

Dennoch, Gesetze und Staat schützen die Würde des Menschen, so lautet entsprechend Artikel 1 des Grundgesetzes. Denn Freiheit, jede Freiheit ist nur möglich, wenn Rechtssicherheit für alle besteht.

Wer Gefahr läuft, verhaftet zu werden, wenn er ein Freiheitsrecht in Anspruch nimmt, braucht Mut. Mut, den erst zum Ende der Naziherrschaft immer mehr Deutsche aufbrachten.

Diese Veranstaltung wird immer wieder von Schülerinnen und Schülern vorbereitet.

Nach einem weiteren Musikstück des Klezmer-Ensemble und Jeanne Rabins, werden sich Schülerinnen und Schüler vom Landrat Lucas Gymnasium und der Montanus Realschule auf die Spurensuche der jüdischen Familie Salomon aus Leverkusen begeben.

Nach der gemeinsamen Kranzniederlegung aller Religionsgemeinschaften und dem abschließenden Musikbeitrag der Musikschule Leverkusen beginnt der Gang hin zur Jugendkirche Leverkusen mit dem vorherigen Halt an den Stolpersteinen. "


Ort aus dem Stadtführer: Musikschule
Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

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