Tag der Heimat


Archivmeldung aus dem Jahr 2013
Veröffentlicht: 08.09.2013 // Quelle: Stadtverwaltung

Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn hielt anläßlich des vom BdV organisierten Tages der Heimat heute auf dem Friedhof Manfort (wg. des schlechten Wetters in der Kapelle) folgende Rede:

"Sehr geehrter Herr Scholz,
sehr geehrter Herr Patzke,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie schon in den vergangenen Jahren versammeln wir uns hier auf dem Friedhof Manfort, um mit dem „Tag der Heimat“ der Vertreibung und Flucht von über 12 Millionen von Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg zu gedenken. Sie, die heute hier stehen, haben dieses Schicksal unter Umständen selbst noch als Kind erlitten, erlebt wie die Familie von jetzt auf gleich Haus und Hof verlassen musste und sich unter extrem gefährlichen Umständen auf den Weg nach Westen machte - zum Teil noch im Krieg, zum Teil aber unmittelbar nach dem Krieg und auf Betreiben der Alliierten nach der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945.

So erließ etwa die Regierung der Volksrepublik Polen am 14. Juli 1945 den Befehl zur sofortigen „Umsiedlung“ an die deutsche Bevölkerung in Niederschlesien,

Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um:

• an Polen zuerkannte Teile des Deutschen Reiches, wie das südliche Ostpreußen, Danzig-Westpreußen, das östliche Pommern und die Neumark Brandenburg sowie Schlesien;
• den nördlichen Teil Ostpreußens, der entsprechend dem Potsdamer Abkommen der Sowjetunion zugeschlagen worden war;
• das zwischen Deutschland und Litauen lange umstrittene Memelland;
• Gebiete, in denen nach wie vor viele Deutsche lebten (beispielsweise Westpreußen und das östliche Oberschlesien);
• weitere deutsche Siedlungsgebiete in den baltischen Staaten;
• das Sudetenland sowie Südböhmen und Südmähren, also die nördlichen, südlichen und westlichen Randgebiete der Tschechoslowakei;
• Prag und die deutschen Sprachinseln in Zentral-Böhmen und -Mähren;
• Gebiete der Sowjetunion, vor allem die von deutschstämmigen Staatsangehörigen besiedelte „Wolga-Republik“;
• mehrere Regionen in Südosteuropa, vor allem in Ungarn, Rumänien, Kroatien, Serbien und Slowenien.

Entsprechend ist Ihr Motto heute 68 Jahre nach dem Krieg „Unser Kulturerbe – Reichtum und Auftrag“. Denn allein von der geografischen Verteilung der Herkunft ist leicht vorstellbar, wie unterschiedlich der Begriff von Heimat bei den Vertriebenen sein muss. Menschen, die hier nur als „die aus dem Osten“ wahrgenommen wurden.

Auch ich gehöre, 1946 geboren, zu den Nachkommen der Flüchtlinge aus Ostpreußen, bin in Dänemark auf die Welt gekommen - eine Station der Flucht meiner Eltern, auf einem Weg, der unsere Familie damals letztlich nach Norddeutschland führte.

Wir Nachgeborenen haben ja häufig überhaupt keinen Begriff mehr von der Heimat, die unsere Eltern verließen, alle Erinnerungsstücke sind oft zurück geblieben, manchmal sind nicht einmal Fotos erhalten. Wo andere Familien damals Dachböden voller Überbleibsel aus vergangenen Zeiten hatten, blieb den Vertriebenen häufig nur die Kleidung und das Nötigste zum Leben.

„Schätzungsweise jeder vierte Bundesbürger hat heute Vertriebene in seiner Familie – Großeltern, Eltern oder Schwiegereltern. Die Generation der Enkel weiß häufig genug nur, dass der Opa irgendwo aus Ostpreußen stammt oder die Oma aus dem Sudetenland. Doch wie ihr Lebensweg verlief, welche Kraft der Neuanfang gekostet hat, wie viele Demütigungen sie erlitten, wie viel Zorn und wie viele Tränen sie herunterschluckten, um ihr Ziel, endlich wieder dazuzugehören, nicht aus den Augen zu verlieren – das haben die Alten nicht erzählt und die Enkel nicht gefragt.“

Das war ein Zitat aus dem Buch „Fremde Heimat“, ein Kompendium zu der gleichnamigen ARD-Fernsehserie von 2011. Der Text beschreibt auch ein Stück weit die Sprachlosigkeit, die damals herrschte. In einer Zeit, in der das nackte Überleben alle Kraft kostete, war für Trauer um eine verlorene Heimat kaum Platz.

Um die Lebensumstände damals zu verstehen, hilft es in die Archive zu gehen. So findet sich im Stadtarchiv unserer Stadt eine Arbeit von Albrecht Zappel, herausgegeben von der Landsmannschaft Schlesien, die in dezidierter Form die Lebensumstände der Flüchtlinge und Vertriebenen im Rhein-Wupper-Kreis und in Leverkusen zwischen 1945 und 1954 beschreibt. Mit Originaldokumenten belegt der Autor in nüchternen Worten die unmittelbare Nachkriegssituation, eine Situation die heute kaum noch vorstellbar erscheint.

In Leverkusen kamen die Flüchtlinge zunächst in eilig bereitgestellten Massenunterkünften unter. In alten Luftschutzbunkern, Sälen in Gaststätten, oder Industriebetrieben. Im August 1946 wurden in Leverkusen 29 Sammelunterkünfte registriert: darunter der Bunker Dönhoffstraße, der Bunker Kaiserplatz, die Wandelhalle des Saales Steinacker, das Erholungshaus, der Bunker Heidehöhe, Wirtschaft und Saal Norhausen, der Saal des Werkes Wuppermann. In Opladen waren es zum Beispiel der Bunker an der Bahnhofstraße und der Saal der Stadthalle, in die diese Menschen eilig einquartiert wurden.

Über die Vertriebenen und Flüchtlingsvorsorge im Rhein-Wupper-Kreis liegt ein Bericht der Kreisverwaltung von 1954 vor, der allein durch seine Zahlen zeigt, wie extrem die Situation damals war: Waren noch 1945 im Kreis 417 Flüchtlinge registriert, trafen bis Ende 1946 in 30 Transporten mit 291 Güterwagen insgesamt 12.079 Personen im Rhein-Wupper-Kreis ein, zum Teil bis zu 1.500 in der Woche. In Leverkusen waren bis zum Oktober 1946 bis 9.000 Flüchtlinge unterzubringen, heißt es in einem Schreiben des damaligen Stadtdirektors Meis.

Dass das nicht ohne Schwierigkeiten abging, ist leicht vorstellbar, zumal die Gemeinden bestrebt waren, die Flüchtlingsfamilien schnell in Wohnungen übersiedeln zu lassen, denn die Massenquartiere boten nach Einschätzung der Behörden (selbst zur damaligen Zeit) menschenunwürdige Bedingungen. Ich zitiere aus einem Schreiben des eben erwähnten Stadtdirektors:
„Das bedeutet für die Leverkusener Bevölkerung Opfer zu bringen […] Im Allgemeinen verschließt sie sich jedoch nicht der Notwendigkeit der Flüchtlingsaufnahme, sucht aber naturgemäß persönlich daran vorbeizukommen“

Also wurden den Flüchtlingen sogenannte unterbelegte Wohnungen zugewiesen. Dabei galt als überbelegt, wenn die Zimmerzahl die Personenzahl überschritt. Als Zimmer konnten dabei auch große Küchen gelten. Auch eine Reihenfolge der Belegung gab es. Als erstes waren ehemalige Parteimitglieder auf der Liste, danach Gutsituierte, danach Sonstige, und ganz zum Schluss politisch Geschädigte.

Zwangsmaßnahmen standen allerdings ganz am Ende, bis dahin arbeiteten die Behörden, sowie Caritas, AWO und andere freie Träger mit Überzeugungsarbeit. In einem Aufruf aus dem Jahre 1946 beschreibt Landesrat E. Andrée, Sachverständiger für Flüchtlingsfragen beim Zonenbeirat - Zitat:
„(…) wie ungeheuer schwierig die Aufgaben der öffentlichen Verwaltungen sind, die Millionenmassen der Flüchtlinge, Ausgebombten usw. mit ausreichender Wohnung, Hausrat und Kleidung zu versorgen, ihre Ernährung sicherzustellen und sie allmählich wieder in den Wirtschaftsprozess einzugliedern. Aber selbst wenn es im Laufe der Zeit gelänge, dann wäre damit noch nichts über die Möglichkeiten und Aussichten eines soziologischen und psychologischen Assimilierungsprozesses in diesem und auf engsten Raum zusammengepressten deutschen Volkes ausgesagt. Wenn die einströmenden Menschenmassen, die etwa zu einem Drittel aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, den baltischen Staaten, aus Bessarabien, der Bukowina, und der Dobrudscha stammen, überhaupt in diese ganz anders geartete soziologische Struktur, im geistigen und kulturellen Leben des Westens aufgehen können?“

Wie wir alle wissen, konnten sie das sehr gut, so sehr, dass man in den sechziger Jahren kaum noch wahrnahm, dass diese Familien nicht aus der Gegend kamen. Denn diese Familien haben ihre gesamte Kraft darauf verwendet, sich anzupassen, die Kinder wie die Erwachsenen. Dazugehören, wieder eine Heimat zu haben, war wichtiger als alles andere.
Erst später, oft erst in jüngster Zeit wurde die Trauer zugelassen, die Trauer um die Toten, die Landschaften aber auch um die Kultur, die zurückgelassen wurde und die doch einmal Teil der Identität war.

Ich halte es für sehr wichtig, dass inzwischen eine sehr konstruktive Erinnerungskultur entstanden ist. Nur wenn wir nicht mehr verdrängen, können wir auch Mitgefühl mit den Millionen Menschen haben, die auf der Welt immer wieder durch Kriege heimatlos werden, ganz aktuell die Syrer, von denen allerdings bislang noch keiner Leverkusen zugewiesen wurde. 183 Flüchtlinge resp. Asylsuchende verzeichnet die städtische Statistikstelle ganz aktuell. Diesen Flüchtlingen werden in Leverkusen sehr schnell Wohnungen zugewiesen. Dieses Verfahren hat sich sehr bewährt. In Leverkusen gibt es keine fremdenfeindlichen Aktionen wie etwa in Berlin-Hellersdorf.

Dass Leverkusen aber so vergleichsweise gut mit der Assimilierung fremder Kulturen zurechtkommt, liegt vielleicht auch daran, dass wir seit der Stadtgründung immer wieder Menschen von außerhalb integriert haben. Leverkusen war als Stadt in den vierziger Jahren noch so jung und unfertig, dass sie eine große Integrationskraft entwickelte. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass es gerade hier in Leverkusen leicht war, heimisch zu werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

68 Jahre ist das Kriegsende jetzt vorbei - und doch sind die Wunden des zweiten Weltkrieges noch nicht vernarbt. Wir haben aber zusammen ein Leverkusen geschaffen, in dem es sich zu leben lohnt. Das macht Hoffnung, auch die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

Wir hören jetzt das Heimatlied und werden danach der Toten gedenken."


Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

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