"Ja, so funktioniert es"


Archivmeldung aus dem Jahr 2006
Veröffentlicht: 05.05.2006 // Quelle: Bayer 04

Sein Start als Trainer von Bayer 04 war alles andere als einfach. Im Oktober 2005 übernahm Michael Skibbe bei extrem hohem Wellengang das Steuerruder. So manche Experten sagten ihm ein frühes Kentern voraus. Doch die beharrliche, akribische Arbeit des 40-Jährigen hat sich längst ausgezahlt. Skibbe hat das Bayer-Schiff wieder flott gemacht, der Kurs geht eindeutig in Richtung UEFA-Cup. Im BayArena-Magazin lässt der Bayer-Coach eine ereignisreiche Saison Revue passieren und fordert für den Endspurt noch einmal den vollen Einsatz seiner Mannschaft.

Herr Skibbe, Bayer 04 ist die Mannschaft der Stunde. Sie hat zuletzt sechs Mal in Folge gewonnen, führt die Rückrundentabelle an - mal ehrlich, hätten Sie Ihrem Team das in der Winterpause zugetraut?
SKIBBE: Nein, in der Winterpause nicht. Aber die ersten Spiele in der Rückrunde haben gezeigt, dass wir uns als Mannschaft weiterentwickelt haben und dass wir konkurrenzfähiger sind als wir das in der Hinrunde waren. Wir haben - abgesehen von den ganz schlechten Spielen auf der Alm in Bielefeld und zu Hause gegen Mainz - eine gute Rückrunde gespielt bisher, und ich wünsche mir natürlich, dass wir das in den letzten Spielen noch weiter bestätigen können. Die Mannschaft ist auf einem recht guten und erfolgreichen Weg.

Gab es so etwas wie ein Schlüsselspiel, das man auf dem Weg zum Erfolg als Wendepunkt bezeichnen kann?
SKIBBE: Es war eine Entwicklung, die an zwei Spielen festzumachen ist. Wir haben in Bielefeld und gegen Mainz alle gemeinsam erlebt, wie es nicht geht. In den Wochen zuvor hatten wir viele gute Spiele. Wir gewannen gegen Wolfsburg und Duisburg, haben gegen Bremen toll und in Köln fantastisch gespielt. Das war ein ähnlicher Lauf, wie wir ihn im Moment haben. Nach den Aha-Erlebnissen von Bielefeld und beim Heimspiel gegen Mainz haben wir uns als Mannschaft wieder deutlich besser präsentiert. Wir wurden wieder stärker im Defensivspiel, haben schneller und geradliniger nach vorne gespielt und sind auch schneller in den Torabschluss gekommen.

Gab' s denn umgedreht einen Punkt in der Hinrunde, wo Sie dachten, es geht nicht weiter, diese Aufgabe ist nicht zu packen?
SKIBBE: Wir hatten anfangs eine ganz gute Entwicklung. Wir haben gegen Stuttgart gut gespielt, in Kaiserslautern, gegen Dortmund, in Gladbach - nicht immer ganz erfolgreich, aber gut gespielt. Da war eine Entwicklung zu sehen. Und dann kamen in einer Phase, als wir dachten, wir können schon mehr, wir sind schon weiter, die Heimniederlagen gegen den HSV, gegen den wir kurz vor Schluss verloren, und gegen Hertha BSC, wo wir 60 Minuten toll gespielt haben und dann nach zwei Kontern plötzlich 1:2 hinten lagen. Bei diesen Spielen haben wir wirklich den Kopf in den Sand gesteckt und uns nicht mehr gewehrt. Wir sind als Mannschaft zerbrochen an diesen beiden Aufgaben. Davon haben wir uns bis in die Winterpause auch nicht mehr erholt. Ich wünsche und hoffe, dass die Mannschaft jetzt in den verbleibenden Spielen da weiter macht, wo sie immer in den erfolgreichen Phasen aufgehört hat: nämlich als Mannschaft zu überzeugen, lauf- und zweikampfstark zu sein und schnell nach vorne zu spielen.

Sie sagen, Sie hoffen. Also sind die letzten Bedenken noch nicht ganz ausgeräumt?
SKIBBE: Wir haben einfach schon zu oft andere Entwicklungen erlebt. Wir zeigen zwar im Moment recht stabile Leistungen. Aber man muss auch sagen: bei unseren Auswärtsspielen in Hamburg und Dortmund hat der Gegner jeweils nach fünf Minuten an unseren Pfosten geschossen. Wenn so ein Ball mal reingeht, kann ein Spiel auch völlig anders laufen. Wir haben uns gegen Mönchengladbach gerade im Überzahlspiel lange Zeit sehr schwer getan. Wir sind also sicherlich noch nicht so gefestigt, dass wir sagen, wir haben jetzt fünf Mal hintereinander gewonnen und waren immer das eindeutig bessere Team. Wir haben gute Spiele gemacht, keine Frage. Wir standen defensiv gut, abgesehen von den 30 Minuten in Hamburg, als wir ganz kräftig durcheinander gewirbelt worden sind. Wir sind auf einem guten Weg, den wir aber auch nicht verlasssen dürfen.

Wenn Sie an Ihren Dienstantritt hier in Leverkusen vor rund einem halben Jahr zurückdenken. Wie hat sich Ihnen die Situation dargestellt? Was ist Ihnen aufgefallen, womit hatten Sie zu kämpfen, was hat Sie positiv überrascht?
SKIBBE: Ich war wahnsinnig froh darüber, ein intaktes Trainer-Team vorgefunden zu haben. Ganz besonders die Zusammenarbeit mit Peter Hermann, aber auch mit Rüdiger Vollborn und Holger Broich war von Anfang an sehr gut. Mittlerweile würde ich sie schon als freundschaftlich bezeichnen. Auch die Zusammenarbeit mit Tscholli und der physiotherapeutischen Abteilung passt wirklich sehr gut hier bei Bayer 04 Leverkusen.

Aber?
SKIBBE: Aber was bei Bayer 04 immer ein bisschen gefehlt hat, war die Konstanz, ein Team aus vielen wirklich guten Einzelspielern formen zu können. Da haben wir sicherlich auch eine ganze Weile wirklich dran rumgedoktort. Ich weiß auch noch nicht, ob der Prozess schon abgeschlossen ist. Wie gesagt, wir spielen momentan erfolgreich und gerade als Mannschaft überzeugend. Dann können Leute wie Berbatov oder Freier ihre ganze Klasse auf der jeweiligen Position unter Beweis stellen.

Was ja auch eine Frage des taktischen Systems ist...
SKIBBE: Sicher, man muss als Trainer eben eine ganze Zeit lang suchen, welches taktische Konzept zur Mannschaft, zu den Spielern passt. Ich glaube, das haben wir uns im Verlauf der Rückrunde erarbeitet. Wir haben von dem Zwei-Stürmer-Spiel umgestellt auf ein Spiel mit drei Stürmern, mit einer zentralen Sturmspitze und zwei hängenden Flügelspielern.

Und welche Vorteile hat ein solches System?
SKIBBE: Damit sind wir in der Offensive schwerer auszurechnen, weil wir viel mehr in Eins-zu-eins-Situationen kommen. Aber wir stehen dadurch auch im Mittelfeld und im Defensivbereich viel besser. Die taktische Umstellung hat der Mannschaft, glaube ich, geholfen. Auch wenn zum Beispiel dann Spieler wie Jacek Krzynowek, Marko Babic und Andrej Voronin im Moment nicht im Team stehen. Ich weiß, dass ich mich jederzeit auf sie verlassen kann und bin froh, so gute Spieler auf der Ersatzbank zu haben, die dann reinkommen können. Die anderen aber machen ihre Sache momentan einfach wirklich gut. Das ist effektiv, das ist auch attraktiv, und das hat einen guten Charakter.

Krzynowek, Babic, Voronin - das sind allesamt Nationalspieler, die bei der WM in Deutschland dabei sein werden. Wie gehen sie mit der Situation um, so kurz vor diesem Ereignis nicht zur Stammelf ihres Vereins zu gehören?
SKIBBE: Die gehen sehr professionell damit um. Das mannschaftliche Gefüge ist zur Zeit absolut intakt, obwohl einige arrivierte Spieler nicht in der Stammelf sind., die im Anschluss auch noch bei der WM auftrumpfen möchten mit ihren Ländern. Aber das ist natürlich erst der nächste Schritt. Was mich interessiert, was die Mannschaft interessiert und - da bin ich sicher -auch die entsprechenden Spieler selbst interesssiert, ist doch, aktuell Erfolg zu haben. Es wird auch diesen Spielern helfen, wenn wir am Ende tatsächlich Fünfter sind und uns für den UEFA-Cup qualifiziert haben. Dann kommt man mit einem anderen Standing zu seiner jeweiligen Nationalmannschaft, auch wenn man nicht immer gespielt hat. Und geht auch mit einem anderen Selbstvertrauen in die WM, als wenn wir weiter so rumgegurkt hätten wie in der Hinrunde. Sagen wir, wir hätten am Ende mit 38 Punkten knapp den Klassenerhalt geschafft. Da geht man als Spieler, selbst wenn man immer in der Stammelf war, viel belasteter in ein Turnier, als wenn man in einem funktionierenden Team vielleicht nicht immer die erste Geige spielt, aber immer dann, wenn man gebraucht wird, eben zeigen kann, dass man ein richtig guter Spieler ist.

Sie betonen stets den Teamgedanken, wollen alle mit einbinden ins große Ganze. Haben Sie das Gefühl, dass die Mannschaft Ihre ganz persönliche Philosophie von Fußball umsetzen kann?
SKIBBE: Es ist verkehrt, wenn man als Trainer eine Philosophie hat und die unbedingt durchsetzen will. Viel eher macht den Trainer aus, dass er schaut, was die Mannschaft leisten kann und wie sie am besten funktioniert. Das ist uns im Verlauf der Rückrunde ganz gut gelungen. Wir spielen attraktiven, erfolgreichen Fußball, und die gesamte Mannschaft spürt genau, ja, so geht es, so funktioniert es.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie Ihren Freund Rudi Völler an Ihrer Seite wissen?
SKIBBE: Das hat mir vom ersten Tag an geholfen. Und hilft mir natürlich auch ganz besonders, wenn's starken Gegenwind gibt, wie wir ihn ja unmittelbar vor der Winterpause und auch in der Vorbereitung mit den schlechten Testspielergebnissen hatten. Da ist es ganz wichtig, dass man nicht nur einen hinter sich weiß, der viel Ahnung vom Fußball hat, sondern der auch total ehrlich mit einem umgeht, weil man befreundet ist. Das ist das allerwichtigste. Es zeichnet unser Verhältnis aus, dass wir uns alles sagen können und in freundschaftlicher Harmonie Dinge besprechen können, die manchmal auch ganz schön haarig sind. Das war schon bei der Nationalmannschaft so, und das ist auch hier so. Wir sprechen immer mit einer Stimme, weil wir auch fußballerisch auf einer Wellenlänge liegen.

In der Öffentlichkeit hat man Ihnen zunächst nicht den ganz großen Wurf zugetraut. Da hieß es vielerorts nach wenigen Wochen, der packt es nicht. Jetzt sind Sie der Trainer der Rückrunde. Wie gehen Sie mit solchen Diskrepanzen um?
SKIBBE: Völlig unaufgeregt. Ich kenne mich ja ganz gut. Ich weiß, was ich in den letzten 20 Jahren als Trainer gemacht und geleistet habe Ich habe meinen Stil, eine Mannschaft zu führen. Das verfolge ich auch hier bei Bayer 04 beharrlich. Das hat eine ganze Menge mit Analyse, aber auch genauso viel mit Herzblut zu tun. Ich bin sehr froh, dass ich hier so viele gute Mitarbeiter habe, die mit mir daran arbeiten, dass das auch weiter funktioniert. Wir waren sicher die negative Überraschung der Hinrunde, aber jetzt sind wir die positive Überraschung der Rückrunde. Nur: wir müssen es natürlich noch erfolgreich zu Ende bringen. Ein Tiefschlag kann uns auch in den letzten Spielen noch mal passieren. Aber die Mannschaft ist jetzt soweit, dass sie das nicht mehr umhaut, sondern sie dann im nächsten Spiel eine entsprechende Reaktion zeigt.

Wenn wir mal einen Blick auf die Mannschaft werfen: Da haben sich unter Ihnen einige Spieler ganz prächtig entwickelt, insbesondere Tranquillo Barnetta und Simon Rolfes. Würden Sie uns zustimmen, dass diese beiden die Shooting-Stars der Saison sind?
SKIBBE: Ja, das würde ich unterstreichen. Tranquillo und Simon gehörten selbst in den Spielen, in denen wir schlecht waren, noch zu den besseren. Sie spielen beide eine konstant gute Saison. Und im Prinzip ist es ja für beide sogar ihre erste Bundesliga-Saison. Tranquillo hatte ja zuvor nur einige wenige Spiele für Hannover gemacht. Von daher kann man die zwei wirklich als Shooting-Stars bezeichnen. Das hätte man so eigentlich nicht erwarten können. Denn Simon kam aus der zweiten Liga, und Tranquillo ist mit gerade mal 20 Jahren noch ein sehr junger Spieler. Sie profitieren natürlich aber auch davon, dass andere schon seit Wochen in großartiger Fom sind.

Zum Beispiel?
SKIBBE: Da ist vor allem Dimitar Berbatov zu nennen. Berbo ist ungemein wichtig für uns. Er kann da vorne in fast jeder Lebenslage mit dem Ball umgehen. Er wird ruhiger in seinem Spiel, je mehr Gegenspieler um ihn herum sind. Gerade für junge Spieler ist es enorm wichtig zu wissen, dass ich da vorne jemanden habe, den ich immer anspielen kann, der immer eine Lösung parat hat, wie's weiter geht. Deshalb ist er für das Team nicht nur so eminent wichtig, weil er seine Tore schießt, sondern weil er eben über eine solch hohe fußballerische Klasse verfügt, dass sich die jungen Spieler an ihn anlehnen können.

Eine letzte Frage zum nächsten Gegner: Wie gefährlich ist der 1. FC Nürnberg?
SKIBBE: Die Nürnberger haben eine unglaublich gute Rückrunde gespielt, haben auch auswärts meistens gut mitgespielt. Sie stehen zwar oft sehr tief, spielen dann aber schnell nach vorne. Unter Hans Meyer hat sich der Club wirklich sehr gut entwickelt. Gerade weil sie im Offensivbereich einige gute Spieler haben wird es eine ganz schwere Aufgabe gegen Nürnberg. Auf der anderen Seite haben wir im Moment auch eine eigene gute Form. Ich gehe davon aus, dass wir in der Lage sein werden, den 1. FC Nürnberg zu schlagen. Das ist unser letztes Heimspiel, da wollen wir unseren Fans, die uns in dieser Saison gerade auch bei schlechteren Spielen und gerade auch oft auswärts hervorragend unterstützt haben, einen Sieg schenken und ihnen noch einmal guten Fußball bieten.


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

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