"Alles wieder in unserer Hand"


Archivmeldung aus dem Jahr 2006
Veröffentlicht: 03.03.2006 // Quelle: Bayer 04

Erst war er lange verletzt, dann vorübergehend vom Dienst suspendiert. Jetzt steht Jens Nowotny wieder seinen Mann in Bayers Abwehr. Zwei Mal stand er zuletzt in der Startformation, zwei Mal gewann Bayer 04. „Jenne“ zeigte dabei jeweils starke Leistungen, auch wenn er selber sagt, dass er vom Niveau her noch nicht wieder da ist, wo er gerne hin möchte.


Jens, Ihr habt einen wichtigen und souveränen Sieg eingefahren am Karnevalssamstag in Köln. Aber irgendwie war es ein seltsames Derby, oder?
NOWOTNY: Na ja, es kam nie so die Aggressivität auf, die man in Derbys eigentlich erwartet. Die eine Mannschaft steht unten drin, die andere weiß noch nicht genau, wo der Weg hingeht. Da war zunächst auf beiden Seiten eine gewisse Unsicherheit zu spüren, wie man nun eigentlich dieses Spiel angehen sollte.

Aber Ihr wart vom Anpfiff weg die deutlich bessere Mannschaft, wenn auch in der ersten Halbzeit noch großzügig im Auslassen von guten Torchancen. Hinterher sah's nach einem einfachen Sieg aus. Mit diesen eindeutigen Verhältnissen konnte man nicht unbedingt rechnen..
NOWOTNY: Es sah vielleicht einfacher aus, als es war. Wir hatten uns eine gute Taktik zurecht gelegt und haben die sehr konsequent und diszipliniert umgesetzt.

Nämlich welche?
NOWOTNY: Wir wollten in diesem Stadion vor 50.000 Fans nicht unnötig hart zur Sache gehen, nicht durch blöde Fouls die Stimmung gegen uns aufbringen. Weil wir sehr gut gestanden haben, sind die Kölner überhaupt nicht in die Zweikämpfe gekommen. Wir alle waren hoch konzentriert und zwar in sämtlichen Mannschaftsteilen. Zum ersten Mal ist uns das in dieser Saison über 90 Minuten so gelungen.

Der FC konnte einem in seiner Hilflosigkeit fast leid tun...
NOWOTNY: Die Erwartungshaltung auf Seiten der FC-Fans war riesig vor dem Spiel. Da herrschte eine tolle Stimmung. Aber das konnten die Spieler auf dem Platz nicht für sich nutzen. Da kam relativ wenig von der Mannschaft. Ich hab' hinterher noch mit dem Lukas Podolski gesprochen. Der konnte es selber nicht fassen, wie sich der FC gegen uns präsentiert hat. Aber so ist das eben, wenn man einmal in diesem Strudel drin hängt. Ich wünsche mir jedenfalls ehrlich, dass der FC in der Bundesliga bleibt. Und wenn unsere Fans ehrlich sind, wünschen sie sich das eigentlich auch. Denn die Derbys sind einfach immer was besonderes.

Ihr selber habt mit dem Sieg einen großen Sprung nach vorne gemacht. Seid Ihr jetzt endgültig wieder in der Spur?
NOWOTNY: Von Platz fünf bis runter ins untere Mittelfeld ist ja alles noch sehr eng zusammen. Da muss man vorsichtig sein mit seinen Prognosen. Aber was für mich ein besonders positiver Aspekt ist: Wir haben alles selber wieder in der Hand. Wir spielen noch gegen alle Konkurrenten um einen Uefa-Cup-Platz. Es liegt also an uns. Das stimmt mich sehr optimistisch. Denn ich bin von unserer Mannschaft absolut überzeugt. Da steckt sehr viel Qualität drin - und wir sind dabei, diese Qualität auch endlich zu zeigen.

Bis zum Spiel in Köln war man sich als Bayer-Fan noch nicht so sicher, wo Ihr nun hingehört. Gegen Frankfurt war die erste Halbzeit ganz schwach, in Bayern habt Ihr gut gespielt und trotzdem verloren, gegen Wolfsburg lief's auch erst in der zweiten Hälfte richtig rund, dann das 4:7 von Schalke und schließlich der 3:2-Sieg gegen Duisburg, der ja letztlich dann auch noch glücklich war...
NOWOTNY:Ja, und jetzt haben wir in Köln zum ersten Mal, wie ich finde, richtig überzeugt. Das war in der Offensive gut, das war in der Defensive gut und auch im Mittelfeld. Unsere disziplinierteste Leistung seit langem. Ich hoffe, das war keine Eintagsfliege.

Warum so skeptisch?
NOWOTNY: Wir haben noch nichts erreicht. Abgerechnet wird immer erst am 34. Spieltag. Mir geht das manchmal einfach zu schnell mit der Zufriedenheit über die eigene Leistung.

Deshalb auch Deine Kritik nach dem Sieg gegen Duisburg?
NOWOTNY: Eigentlich bin ich ja eher ein ruhiger Vertreter. Aber gegen Duisburg haben wir noch einige Fehler gemacht. Und ich bin der Meinung, dass wir unsere Lehren aus der Hinrunde ziehen sollten. Da waren wir absolut unbeständig in unseren Leistungen. Das abzulegen, genau daran haben wir ja in der Vorbereitung auf die Rückrunde in Marbella gearbeitet. Da hat man gespürt, dass alle unheimlich motiviert waren. Alle waren heiß, es in der Rückrunde besser zu machen. Und wir sind auch auf einem sehr guten Weg. Aber machmal, da hat sich noch der Schlendrian eingeschlichen. Und das muss man einfach ansprechen.

Du hast eine schwere Zeit hinter Dir bei Bayer 04. Jetzt bist Du wieder Stammspieler. Wie beurteilst Du Deine Leistungen in den beiden letzten Spielen?
NOWOTNY: Meine Leistungskurve ist sicher noch nicht da, wo ich sie gerne hätte. Aber ich glaube, ich habe bewiesen, dass ich in der Bundesliga mithalten kann. Die letzten Monate waren nicht einfach, das stimmt. Aber da muss man eben durch. Und ich denke, jeder sieht und weiß auch, dass ich alles für den Verein tue und mich voll reinhänge für die Mannschaft.

Du bist bei Deinem Comeback gegen Wolfsburg sehr herzlich von den Fans empfangen worden. Hattest Du Bammel vor dieser Situation?
NOWOTNY: Es war schon noch der ein oder andere Pfiff dabei. Aber insgeamt war die Reaktion tatsächlich sehr positiv. Und ich hatte das eigentlich auch nicht viel anderes erwartet. Die Fans haben ein sehr feines Gespür dafür, ob jemand hundert Prozent für den Verein gibt oder nicht.

Und jetzt gilt: Die Vergangenheit ist passé, alles vorbei und vergessen?
NOWOTNY: Nein, natürlich nicht. Ich werde meine Lehren aus der Vergangenheit ziehen und würde heute sicher einige Dinge ganz anders machen. Richtig ist aber auch, dass ich jetzt nach vorne schaue. Wichtig sind mir die Ziele, die wir uns als Mannschaft gesetzt haben. Und da ist ganz klar: Wir wollen in den UEFA-Cup, wir wollen wieder international dabei sein. Diese internationalen Spiele, die fehlen doch allen hier.

Momentan ist der Trainer in der beneidenswerten Lage, personell aus dem vollen schöpfen zu können. Andererseits birgt das Konfliktstoff, weil einige Stammkräfte auf der Strecke bleiben...
NOWOTNY: Es ist deshalb umso wichtiger, dass der Trainer mit denen, die nicht zum Einsatz kommen, spricht und ihnen seine Entscheidung erklärt. Die Gründe muss er den Betroffenen ja nicht Woche für Woche wiederholen. Bei uns spielen ja fast nur Nationalspieler, unser Kader hat deshalb auch eine unbestreitbar hohe Qualität. Trotzdem können eben nur elf Mann spielen.

Apropos Nationalspieler: Machst Du Dir noch Hoffnungen in Bezug auf die WM?
NOWOTNY: Ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Auf der anderen Seite: Im Fußball kann's manchmal schnell gehen. Ich selber habe mich 2002 erst im April vor der WM verletzt. Natürlich wünsche ich das keinem Spieler, der jetzt im Kader steht. Ich für meinen Teil werde versuchen, von Spiel zu Spiel besser zu werden. Mehr kann ich eh nicht tun.

Nach den zwei Aufsteigern Duisburg und Köln bekommt Ihr es am Samstag wieder mit einem Spitzenteam zu tun. Wie groß ist Dein Respekt vor Werder Bremen?
NOWOTNY: Die Mannschaft steht sicher zu Recht da oben. Werder ist schon sehr gut. Aber wir haben durchaus die Möglichkeit, gegen Bremen zu gewinnen. Ich weiß, was in unserem Team steckt. Bei Werder wird ja momentan der K.&K.-Sturm so hochgejubelt. Klar, das ist momentan der beste Angriff. Aber ich denke, dass unser Angriffsduo am Samstag wieder ein Stückchen näher heranpirschen wird, was die Zahl der Tore betrifft. Wenn wir so diszipliniert und konsequent zur Sache gehen wie in Köln, dann werden wir gewinnen.


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Sport
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