Elser-Ausstellung eröffnet


Archivmeldung aus dem Jahr 2011
Veröffentlicht: 27.01.2011 // Quelle: Stadtverwaltung


Bild: Referent Ulrich Renz, Volkshochschulleiterin Annette Lorey und Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn
Soeben eröffnete Oberbürgermeister Buchhorn im Forum die Elser-Ausstellung mit folgender Rede:

"Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Renz,

jeder von uns kennt Graf Stauffenberg als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus - aber kennen wir den Namen von Georg Elser? In der Schule lernten wir zwar, dass es 1939 schon ein missglücktes Attentat gegen Hitler gab, den Namen des Attentäters hat aber kaum jemand im Gedächtnis.

Das hat seinen Grund. Bis in die sechziger Jahre hinein war die Motivation des Attentats umstritten: die Nationalsozialsozialisten verleumdeten Georg Elser direkt nach dem Anschlag als britischen Agenten. Nach dem Krieg wiederum kam das Gerücht auf, es seien in Wirklichkeit die Nationalsozialisten gewesen, die das Attentat geplant und dafür gesorgt hätten, dass Hitler rechtzeitig von der Bühne verschwunden sei - Elser mithin ein Gehilfe des Unrechtsstaats.

An dieser Propaganda änderte auch nicht, dass Elser noch einen Monat vor Kriegsende in Dachau hingerichtet worden war.

Noch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs - also 1955 - beurteilte ein Deutsches Gericht das Attentat als kriminelle Tat. Erst der Historiker Lothar Gruchmann legte mit einer Veröffentlichung der Gestapo-Vernehmungsprotokolle Elsers den Grundstein für dessen Anerkennung als Widerstandskämpfer.

Der Journalist Ulrich Renz hat sich intensiv mit Georg Elser und seiner Geschichte beschäftigt und wird gleich noch ausführlich auf die Person Elsers, seine Motivation und historische Bedeutung eingehen.

Dem will ich nicht vorgreifen.

Heute vor 66 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Am 27. Januar 1945 stießen Soldaten der 60. Sowjetarmee bei ihrem Vormarsch auf das Lager. Dort, wo noch am 17. Januar 1945 über 65 000 Menschen gezählt worden waren, befreiten die Soldaten zehn Tage später gerade noch 7.650 Menschen, darunter rund 100 Kinder, die jüngsten kaum älter als drei Jahre. Wir kennen die Bilder der Jungen und Mädchen, die den Befreiern ihre Arme mit den tätowierten Nummern hinstrecken.

Alle anderen Häftlinge waren wenige Tage zuvor von der SS abtransportiert oder auf einen Todesmarsch geführt worden, weg von der Front. Allein die verbliebenen Depots sprachen aber eine beredte Sprache. Die Rotarmisten registrieren 368 820 Herrenanzüge, 883 255 Frauenkleider, 5.525 Paar Damenschuhe. In der Gerberei fanden sich sieben Tonnen Frauenhaar. Außerdem Berge von Brillen, Zahnprothesen, und Kindersachen: Kleidchen, Puppen, Babyrasseln - Reste einer Vernichtungsmaschinerie.

Auschwitz wurde zum Symbol, weil es eines der größten nationalsozialistischen Konzentrationslager war, eines der sechs Vernichtungslager. Insgesamt gab es 24 selbstständige KZ-Stammlager, denen zuletzt ein Netz von weit über 1.000 Außen- oder Nebenlager organisatorisch unterstellt waren.

Auch die Bilder der anderen KZs haben sich in unser Gedächtnis gebrannt: So die Leichenhaufen in Bergen-Belsen, von den Briten fotografiert und gefilmt, oder die mit abgemagerten Männern völlig überfüllten Stockbetten im KZ Buchenwald, von den Amerikanern auf Fotopapier gebannt.

Unzählige Fotos und Filme, Augenzeugenberichte und Zeitungsartikel belegen den Massenmord an Millionen von Juden, an politisch Verfolgten, Sinti und Roma. Es sind erdrückende Beweise der Barbarei in Deutschland.

Dennoch gibt es bis heute Menschen, die den Holocaust leugnen.

Ähnlich wie die Diffamierung Georg Elsers begann diese Leugnung direkt nach Kriegsende. So galten die Bilder aus den Konzentrationslagern - weil von den Besatzern aufgenommen - vielen nur als Feindpropaganda.

1947 behauptete der französische Autor Maurice Bardeche in seinem Buch "Nürnberg oder das gelobte Land", einige der in den Nürnberger Prozessen vorgelegten Beweisdokumente für den Holocaust seien von den Alliierten gefälscht worden. Die Gaskammern seien in Wahrheit Desinfektionskammern zur Entlausung gewesen, die meisten in den Konzentrationslagern internierten Juden an Hunger und Krankheiten gestorben und ihre Inhaftierung Folge dessen, dass sie den Versailler Vertrag von 1919 unterstützt und auf diese Weise den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hätten.

Solche Parolen waren noch bis weit in die sechziger Jahre Teil der öffentlichen Meinung, Darüber hinaus beschäftigte man sich mit dem Wiederaufbau und nicht mit der Vergangenheitsbewältigung. Der Wissenschaftler Florian C. Knab schreibt in seinem Artikel "Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und der Holocaust":

Erst der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 und der Frankfurter Auschwitz-Prozess zwischen 1963 und 1965 eröffneten Chancen zur Konfrontation mit dem Völkermord. Das Hauptaugenmerk richtete sich aber weiterhin vornehmend auf die Mörder, die immer noch unbehelligt "unter uns" lebten. Erst die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" 1979 stand am Beginn einer (.) breiten Auseinandersetzung mit dem, was von da an "Holocaust" genannt wurde."

Inzwischen ist die Holocaust-Leugnung ein Straftatbestand, das Gedenken an diesen Massenmord Teil der offiziellen Erinnerungskultur. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland ein nationaler Gedenktag. 2005 machte die UN einen internationalen Gedenktag daraus.

In Leverkusen steht der Holocaust-Gedenktag durch Initiative und Engagement der Volkshochschule seit 2002 regelmäßig im städtischen Veranstaltungskalender - in diesem Jahr mit der Eröffnung der Ausstellung über Georg Elser und sein Attentat vom 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller.

Morgen wird es hierzu ein Gespräch mit Schülerinnen und Schüler geben, am 10. Februar wird der sehr sehenswerte Film "Georg Elser - Einer aus Deutschland" gezeigt.

Jetzt aber möchte ich überleiten zu Ulrich Renz. Er ist Journalist und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn und hat sich intensiv mit dem Mann beschäftigt, der mit einem erfolgreichen Attentat unter Umständen den Lauf der Geschichte verändert hätte."


Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

Kategorie: Kultur
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