Rudi Völler: Wir sollten über die Kartenflut reden


Archivmeldung aus dem Jahr 2007
Veröffentlicht: 20.02.2007 // Quelle: Bayer 04

Wir haben es zuletzt am eigenen Leib schmerzhaft gespürt: Beim Abpfiff unserer letzten drei Bundesligaspiele standen wir nur noch mit zehn Spielern auf dem Platz. Gonzalo Castro sah gegen Bremen die gelb-rote Karte. Bei Paul Freier in Wolfsburg und bei Jörg Butt gegen Frankfurt war es sogar beide Mal direkt rot. Doch nicht nur uns hat es getroffen, wenn ich nur an den letzten Spieltag denke, als auch der Frankfurter Spycher und der Dortmunder Dede vorzeitig in die Kabine geschickt wurden. Deshalb sollte dieses Thema auch einmal grundsätzlich behandelt werden.

Meine persönliche Betrachtungsweise steht schon seit längerem fest: In der Bundesliga erfolgt die Bestrafung von Fouls mit gelben und roten Karten schlichtweg zu schnell. Ich will auch nicht immer auf die englische Liga hinweisen, wo doch sehr körperbetont gespielt wird, was die Zuschauer eigentlich sehen wollen, oder die UEFA Champions League, wo die Zurückhaltung der Schiedsrichter gerne mit internationaler Härte beschrieben wird. Natürlich würde ich mir wünschen, unsere Schiedsrichter ließen das Spiel mehr laufen und gingen mit der Verteilung von Karten sparsamer um. Fakt ist aber nun einmal, dass bei uns anders gepfiffen wird.

Daraus kann sich nur der Schluss ergeben: Unsere Spieler haben zu kapieren, was sie auf dem Platz nach Fouls erwartet. Sie müssen disziplinierter sein, sie sollten ihre Spiel- und ihre Verhaltensweise überdenken. Ich bin mir ganz sicher, dass die eine oder andere Hinausstellung in den letzten Wochen durchaus vermeidbar war. Und ich halte es auch für ganz wichtig, dass die Spieler dabei mitziehen, den Schiedsrichtern zu helfen. Dazu gehört sicherlich, dass der gefoulte Spieler nicht gleich bei jeder harmlosen Attacke den sterbenden Schwan mimt, sondern möglichst schnell wieder aufsteht. Denn auch die Zuschauer wollen dieses wehleidige Getue nicht sehen. Sie haben schon ein gutes Gespür dafür, wie ernsthaft ein Foul zu betrachten und zu bewerten ist.

Doch das alles ist selbstverständlich keine Einbahnstraße. Auch die Schiedsrichter sollten im stillen Kämmerlein kritisch mit sich selbst umgehen und sich die Frage beantworten, ob es nicht vielleicht ratsamer wäre, etwas großzügiger bei der Einschätzung ihrer Maßnahmen nach einem Foul vorzugehen. In meiner Zeit als Teamchef der Nationalmannschaft habe ich mehrmals an Schiedsrichtersitzungen teilgenommen. Von daher weiß ich auch, dass dort eine rege Diskussion stattfindet, wie die Kartenflut bei uns einzudämmen ist. Wenn sich beide Seiten – Schiedsrichter und Spieler – darauf besinnen, sportlich und menschlich fairer miteinander umzugehen, denke ich, sind wir auf einem guten Weg.

Was mir noch sehr am Herzen liegt, ist die Tatsache, dass die Nachspielzeit bei den Bundesligaspielen schlichtweg zu gering angesetzt wird. Nehmen wir nur unser vergangenes Spiel gegen Frankfurt. Erste Halbzeit: Jörg Butt wird vom Platz gestellt, Unterbrechung mindestens zwei Minuten. Aber: Nachspielzeit gleich null. Zweite Halbzeit: Callsen-Bracker und Streit werden mindestens zwei Minuten behandelt, zudem wird Spycher vom Platz gestellt. Aber: Nachspielzeit lediglich eine Minute. Vielleicht hätten wir noch das Siegtor bei mehr Nachspielzeit erzielt, vielleicht hätten wir auch noch verloren. Aber dieser Spannungsbogen gehört zum Fußball.


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Sport
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