Privilegiert - nicht unantastbar


Archivmeldung aus dem Jahr 2005
Veröffentlicht: 10.09.2005 // Quelle: Bayer 04

Bayer 04-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser schreibt unter der Rubrik "In eigener Sache" regelmäßig im BayArena Magazin. Diesmal beschäftigt er sich mit dem Thema Schiedsrichter.

Schiedsrichter haben unzweifelhaft einen schweren Stand. Sie müssen in Bruchteilen von Sekunden entscheiden - oft über Sieg oder Niederlage, über Erfolg oder Misserfolg. Schiedsrichter sind aber ebenso unzweifelhaft Bestandteil eines Fußballspiels - so wie die Linienrichter und die 22 Akteure - vom Torhüter bis zur Sturmspitze.

Was sich aber am letzten Bundesliga-Spieltag abgespielt hat, zeigt einmal mehr, wie wenig ausgeprägt das Selbstverständnis mancher Unparteiischer ist. Natürlich hat unsere Mannschaft in Wolfsburg schlecht gespielt. Natürlich war die eine oder andere Rangelei überflüssig - nicht zuletzt die von Marko Babic. Aber so ist das eben, wenn die Leistung nicht stimmt.

Völlig unverständlich aber war in diesem Spiel die Leistung von Schiedsrichter Sippel. Er fiel ein ums andere Mal auf die Schauspieleinlagen des Wolfsburger Spielmachers d'Alessandro herein. Der machte sich einen Spaß daraus, durch provozierende Spielweise mit theatralischen Einlagen seine Gegenspieler zu unüberlegten Handlungen zu verleiten.

Höhepunkt war dann nach der Roten Karte für Babic, der sich leider provozieren ließ, die üble Täuschung des Schiedsrichters bei einem Zweikampf mit Roque Junior. Und Schiedsrichter Sippel, der diese Auftritte des Wolfsburgers schon lange hätte durchschauen müssen, fiel darauf herein und gab „Rot“.

Nun wissen wir alle, dass der Sport von Emotionen lebt. Sie sind es, die immer wieder die Fans in die Stadien und Millionen Menschen vor die Bildschirme treiben. Und Emotionen dürfen auch die haben, die Verantwortung für Verein, Spieler und Fans tragen. Rudi Völler zum Beispiel. Natürlich kann man seinen „Auftritt“ direkt nach dem Spiel kritisieren. Aber wer die Szene - auch später auf den Bildschirmen der verschiedensten Sender - gesehen und gehört hat, was gesagt wurde, der kann dafür auch Verständnis aufbringen.

Vor allem hätte ein souveräner Schiedsrichter nicht noch durch Körpersprache die Emotionalität erhöht. In Köln hatte der Unparteiische nach dem Elfmeter-Irrtum auch einiges an verbalen Attacken zu überstehen - er aber überhörte sie. Wohl wissend, wie angespannt die Nerven der Betroffenen so kurz nach den Ereignissen noch sind. Nicht so Herr Sippel. Er nestelte an seiner Hemdentasche herum, um schnellstmöglich auch noch jedes Wort mitschreiben zu können. Es hätte ja etwas wirklich(!) Böses dabei sein können…

Wie gesagt, Schiedsrichter und ihre Assistenten sind natürliche Bestandteile eines jeden Fußballspiels. Ja sie haben sogar das Privileg des Irrtums. Aber sie haben nicht das Privileg der Unfehlbarkeit. Sie haben vor allem auch nicht das Privileg Unantastbarkeit. Mündige Menschen dürfen auch einmal ihren Unmut deutlich machen, ohne dass das Gegenüber durch Vorschriften geschützt, sich einer friedlichen Auseinandersetzung entziehen und auch noch dafür sorgen kann, dass womöglich unangemessene Konsequenzen drohen.
Mir ist ein erzürnter Rudi Völler, der allen Fans aus der Seele spricht, immer noch lieber, als „ausrastende“ Fans, die ihren Unmut in Gewalt ausarten lassen. So wie zuletzt nach dem Länderspiel in der Slowakei.

Zugegeben: Die Schiedsrichter-Teams hatten schon immer einen schweren - teilweise auch undankbaren - Job. Er ist in den letzten Jahren zunehmend schwerer geworden. Der Druck durch die Medien ist enorm. Sie müssen sich in einem hochprofessionellen Umfeld bewegen, deswegen müssen sich die Schiedsrichter auch persönlich weiterentwickeln, um den Anforderungen gerecht zu werden, physisch aber auch psychisch.

Die Auftritte und Dünnhäutigkeit mancher Unparteiischer lassen für mich wieder die Forderung nach Profi-Schiedsrichtern aufkommen. Wahrscheinlich herrscht dann eine größere Gelassenheit auch gegenüber denen, die so viel mehr verdienen, die aber nach ihrer Pfeife „tanzen“ müssen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass womöglich der eventuelle Frust über die finanziellen Nachteile zu einem Gebaren führt, das an Souveränität so viel zu wünschen übrig lässt..

Wir jedenfalls werden uns auch gegenüber diesen Privilegierten zur Wehr setzen - aktuell im Falle Roque Junior .


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Sport
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