Rede des Oberbürgermeisters aus Anlaß von 76 Jahre Reichskristallnacht


Archivmeldung aus dem Jahr 2014
Veröffentlicht: 10.11.2014 // Quelle: Stadtverwaltung

Zum Gedenken an die Reichskristallnacht hielt Oberbürgermeister Buchhorn heute am Platz der Synagoge folgende Rede:

"Sehr geehrter Herr Rabbiner Grußmann,
Sehr geehrter Herr Imam Alinmaz,
sehr geehrte Herren Monsignore Teller, Superintendent Loerken,
sehr geehrte Frau Pfarrerin Jetter,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren aus Politik und Verwaltung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

76 Jahre - ist es her, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hier an dieser Stelle ein Gotteshaus erst zerstört, dann niedergebrannt wurde. In der Rheinischen Landeszeitung vom 11. November 1938 las sich das damals so – ich zitiere: Empörung der Opladener Bevölkerung „Demonstrationen gegen jüdische Mordbuben“. Der anschließende Artikel beschreibt die Geschehnisse dieser Nacht und des drauffolgenden Tages. Er behauptet, genauso wie die NS-Presse in ganz Deutschland, das Pogrom sei eine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris durch einen Juden gewesen. In Wirklichkeit gab es nachweisbar entsprechende Befehle an Gauleitung und SA.
Es ist heute noch scheußlich zu lesen, in welcher Diktion die Zeitung damals berichtet hat, wie abfällig Juden beschrieben und wie heroisierend im Kontrast die sogenannten Volksgenossen dargestellt wurden. Ich erspare Ihnen den Wortlaut, denn es sind keine Sätze, die es verdient haben, für die Nachwelt wieder zum Leben erweckt zu werden.
Wir gedenken heute aller, die in dieser Nacht zu Schaden kamen. Wir tun das, weil diese Nacht ein Wendepunkt war. Sie war der Auftakt zu Grausamkeit, Willkür und menschenverachtenden Verbrechen, derer wir Deutschen uns bis 1945 noch schuldig machen sollten.
Auch hier in Leverkusen, auch in Opladen. Schließlich versammelten sich laut oben erwähntem Artikel auch am Abend des 10. November 1938 noch fast 8.000 Opladener in der Innenstadt, um sich von NS-Politikern aufhetzen zu lassen. Gleiches geschah in ganz Deutschland.
Die Fakten: Deutschlandweit geht man heute von über 400 Todesopfern nur in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 aus. Allein in diesem Zeitraum wurden über 25.000 Menschen verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Mit diesem gesteuerten Pogrom begann 1938 die systematische Vernichtung der Juden im Dritten Reich. Ein Drittes Reich, dessen schreckliche Bilanz sieben Jahre später gezogen wurde. Nachweislich haben im Zweiten Weltkrieg mindestens 5,3 Millionen europäische Juden ihr Leben verloren, eher sechs Millionen. Dazu kommen die Kriegstoten in ganz Europa, die in zweistelliger Millionenhöhe liegen, zerstörte Familien und Städte. Erst durch den Sieg der Alliierten und die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 konnten Krieg und Holocaust gestoppt und die Überlebenden in den Arbeits- und Vernichtungslagern befreit werden.
Im heutigen Leverkusener Stadtgebiet überlebte nur ein Bürger jüdischen Glaubens. Die Stolpersteine in der Fußgängerzone Opladens, erinnern an die, die nie wiederkamen.
Heute haben Schülerinnen und Schüler des Landrat-Lucas-Gymnasiums dieses Thema im Unterricht aufgearbeitet und ihre Beiträge aus einem Besuch des „Lern- und Gedenkort Jawne“ in Köln entwickelt. Für Ihren Vortrag schlüpfen sie in die Rollen jüdischer Kinder und Jugendlicher und tragen deren Geschichte vor. So viele Jahre und Generationen nach dem Dritten Reich ist das wahrscheinlich die unmittelbarste Methode, um eine Identifizierung mit Menschen möglich zu machen, die heute weit über achtzig wären.
Sich mit den Nachbarn und Hinzugezogenen zu identifizieren und zu integrieren statt Ausgrenzung muss die Botschaft dieses Tages sein. Denn nur wer sich klar macht, dass sie oder er damals wie heute Opfer werden könnte, sobald Wut, Hass und Verachtung das gesellschaftliche Klima beherrschen und Sündenböcke gesucht werden, nur der weiß, dass Widerstand bedeutet und auch bedeuten kann, für andere einzustehen, wenn sie bedroht werden.
Angesichts aktueller weltpolitscher Entwicklungen, die auf Deutschland zurückwirken, ist dieses Thema aktueller denn je. Zum einen konnten wir im Sommer bei dem aufgeflammten Nahost-Konflikt beobachten, wie schnell Kritik an der Politik Israels hochemotionale bis antisemitische Untertöne bekommt, zum anderen steht angesichts der ISIS-Massaker auch der Islam und mit ihm die muslimischen Deutschen bei manchen Menschen schnell unter Generalverdacht.
Angesichts solcher Entwicklungen war es zum Beispiel ausgesprochen wichtig, dass der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Dieter Graumann im September Ehrengast einer Mahnwache islamischer Verbände gegen Rassismus und Extremismus war. Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, betonte die Gemeinsamkeiten über Glaubensgrenzen hinweg. Graumann wiederum sicherte den Muslimen in Deutschland die Solidarität der jüdischen Gemeinde zu.
Auch in Leverkusen funktioniert diese Verständigung: Im „Rat der Religionen“ – 2006 gegründet - setzen sich Vertreter der evangelischen, evangelisch-freikirchlichen und der katholischen Kirche, Mitglieder eines buddhistischen Vereins und Vertreter des Rates der islamischen Gemeinschaften sowie des Vereins Davidstern für den offenen Dialog und die Verständigung zwischen den Religionsgemeinschaften ein.
Die politischen Gremien und auch ich als Oberbürgermeister dieser Stadt freuen sich sehr über dieses aktive Miteinander im Sinne gelungener Integration.
In Anwesenheit von Vertretern des Rats der Religionen wurde gerade erst das neue jüdische Kulturzentrum feierlich eingeweiht. Damit hat das jüdische Gemeindeleben in Leverkusen nach vielen Jahrzehnten endlich wieder eine Heimat. Rund 300 Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens gibt es heute wieder wieder in dieser Stadt.

Im jüdischen Kulturzentrum können jetzt wieder Gottesdienste stattfinden. Hier kann die Thora aufbewahrt werden, hier können Chanukka, Pessachfest und Familienfeste wie die Bar Mitzwa gefeiert werden und hier ist während der Geschäftszeiten immer jemand ansprechbar, auch für Anliegen, die nicht unmittelbar mit dem Glauben zu tun haben.
Die Zerstörung der Synagoge hier und die Reichspogromnacht in ganz Deutschland markierten vor 76 Jahren den Anfang vom Ende jeder Vernunft und Mitmenschlichkeit in unserem Land.
Ein Tag wie der heutige, das Gedenken daran, sollen uns immer wieder daran erinnern, wie verführbar zum Bösen wir Menschen sein können. Lassen Sie uns alle gemeinsam alles dafür tun, dass so etwas in unserem Land nie wieder möglich wird.


Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

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