Stadtplan Leverkusen
19.02.2007 (Quelle: Bayer 04)
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Generationen-Treff: Drei im Außendienst


Früher gab‘s sie noch, die klassischen Außenstürmer, die Flügelflitzer und Flankengötter. Schnell mussten sie sein, trickreich und clever. Denn ihre Gegenspieler, die rechten und linken Verteidiger, waren meist humorlose Gesellen. Die Männer, die „an der Linie kleben“ mussten, sind aber im modernen Fußball nicht mehr gefragt. Außenbahn offensiv – so nennt man heute die Position, die freilich ganz anders interpretiert wird, wie noch zu den aktiven Zeiten von Dieter Herzog. Wir baten den Weltmeister von 1974, Hans-Peter Lehnhoff und Paul Freier zum Gespräch, um über die Entwicklung eben dieser Außenpositionen im Fußball zu reden. Drei Generationen von Bayer 04-Profis an einem Tisch: Es war ein interessantes und vergnügliches Treffen, bei dem viel gelacht wurde...

Herr Herzog, wie war das damals bei der WM 1974 in Deutschland – welche Erinnerungen haben Sie an Ihre beiden Einsätze gegen Jugoslawien und Schweden?
HERZOG: Ich war ja sehr überrascht, dass ich überhaupt noch in den 22er Kader berufen worden bin. Dass ich dann gegen Jugoslawien und Schweden in der Startformation stand, damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Ich bekam meine Chance, weil wir zuvor 0:1 gegen die DDR verloren hatten und die beiden ersten Spiele in der zweiten Finalrunde beide in Düsseldorf stattfanden. Als Fortune war ich da ja Lokalmatador. Trotzdem war es eine schwierige Situation. Damals war es nämlich so, dass Helmut Schön seine 14 Spieler hatte, die zum festen Stamm zählten. Alles was dahinter kam, wurde auch im Training nicht so gefordert. Wir haben ein bisschen fünf gegen zwei gespielt. Das heißt, die Nummern 15 bis 22 waren während dieser WM nicht gerade topfit. Trotzdem lief es aber bei meinen zwei Einsätzen ganz gut. Immerhin haben wir beide Spiele gewonnen.

LEHNHOFF: Das war ja eigentlich auch zu meiner Zeit noch so, jedenfalls in den ersten Jahren. Da wurde noch nicht so rotiert. Die Nummer 12 und 13 waren als Auswechselspieler so gut wie gesetzt, der Rest hatte schlechte Karten. Heute muss jeder Spieler, auch der, der selten bis nie zum Einsatz kommt, topfit sein, damit man ihn bedenkenlos bringen kann.

Herr Herzog, Sie waren noch ein klassischer Linksaußen. Wie war diese Position damals in den Siebzigern definiert? Was hat der Trainer vor dem Spiel zu Ihnen gesagt, was waren Ihre Aufgaben?
HERZOG: Also, ich habe kaum Spielformen geübt, sondern stundenlang eins gegen eins gespielt und Flanken geschlagen. Mein damaliger Trainer in Düsseldorf, Heinz Lucas, hat immer zu mir gesagt, „Dieter, nach dem Training darfst du noch mal ne halbe Stunde flanken“. Nun muss man dazu sagen, dass ich zuerst gar keinen starken linken Fuß hatte, im Gegenteil. Später konnte ich dann tatsächlich besser mit links flanken als mit rechts. Und was die Position im Spiel betrifft: Ein Linksaußen, der musste an der Linie kleben, wie man so schön sagte.

LEHNHOFF: Als Außenstürmer musstest du damals in erster Linie schnell sein und jemanden ausspielen können, um eine Überzahlsituation herzustellen. Der gegnerische Außenverteidiger blieb meistens hinten stehen. Der marschiert jetzt aber längst mit nach vorne. Diese strikte Einteilung in Abwehr, Mittelfeld und Angriff gibt es nicht mehr. Schon zu meiner Zeit wurden die Verteidiger offensiver, das heißt die haben uns Außenstürmer schon unter Druck gesetzt, sozusagen mit unseren eigenen Mitteln, nämlich der eins-gegen-eins-Situation. Die waren auf einmal auch schnell und zum Teil dribbelstark.

HERZOG: Richtig, der Paul muss heute viel mehr arbeiten als ich früher. Und das Spiel ist natürlich viel schneller und variabler geworden. Wenn ich früher angespielt wurde, konnte ich den Ball in Ruhe annehmen und auf meinen Außenverteidiger zustürmen. Der hat quasi auf mich gewartet.

Paul, das muss sich für dich ja geradezu paradiesisch anhören....
FREIER: Na ja, heute hast du natürlich viel weniger Zeit, den Ball zu stoppen, du musst schneller reagieren. Aber trotzdem musstest du auch früher irgendwie an deinem Gegenspieler vorbeikommen. Ich glaube auch, dass der Unterschied zwischen dem Außenstürmer von früher und dem von heute, der ja eher ein rechter Mittelfeldspieler ist, darin liegt, dass wir heute einfach viel mehr für die Defensive tun müssen. Die konditionellen Anforderungen sind deshalb natürlich höher. Wir wechseln auch schon mal die Seiten und müssen im taktischen Bereich flexibler sein. Der Fußball entwickelt sich immer weiter. Aber auch, wenn früher alles etwas langsamer ging, gab’s es super Spiele und Spieler. Jede Zeit hat ihren Reiz.

Du bist 1979 geboren, da ist Dieter Herzog gerade mit Bayer 04 in die Bundesliga aufgestiegen. Was ist Dein erstes großes Fußballerlebnis gewesen?
FREIER: Richtig bewusst erlebt habe ich die WM 1990 in Italien. Da war ich noch zehn und bin gerade auch von Polen nach Deutschland übergesiedelt. Ich habe die Spiele im Fernsehen gesehen und für mich klar, dass ich auch mal da unten auf dem Rasen stehen wollte.

Interessierst Du Dich ein bisschen für die Fußballhistorie, für Spiele aus alten Zeiten?
FREIER: Ja, schon. Ich schaue mir gerne Rückblicke auf Fußball-Klassiker an. Ich hatte allerdings nie Vorbilder – auch nicht was Spieler auf meiner Position betrifft.

Etwas ältere Semester unter den Fußballfans geraten in nostalgisches Schwärmen, wenn Namen wie Stan Libuda, Hannes Löhr oder Rüdiger Abramczik fallen. Warum war der Typ des Flügelflitzers damals so beliebt?
LEHNHOFF: Das Spiel früher war, das muss man ja wirklich ganz klar sagen, im Vergleich zu heute sehr statisch. Wenn dann mal wieder ein Angriff gestartet wurde und der Rechts- oder Linksaußen kriegte den Ball, dann kam Leben in die Bude, dann wusste man, jetzt passiert was, jetzt wird’s spannend. Heute passiert überall was auf dem Platz, da gibt’s auch packende Zweikämpfe im Mittelfeld.

FREIER: Aber es ist auch heute noch so, dass die Außenspieler eine besondere Dynamik ins Spiel bringen, und das wollen die Leute schließlich auch heute noch sehen.

Damals bestand der Reiz eines Fußballspiels auch in den genau festgelegten Zweikämpfen. Außenverteidiger gegen Außenstürmer, Vorstopper gegen Mittelstürmer etc. Die Fronten waren klar. Man freute sich auf diese Duelle Mann gegen Mann. Im modernen Fußball gibt es diese ganz festen Zuordnungen nicht mehr. Eigentlich schade, oder?
LEHNHOFF: Richtig ist, dass es früher Positionswechsel kaum gab. Und wenn doch, dann ging der Gegenspieler mit. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir der Hannes Löhr mal erzählt hat. Der Hannes hatte dem Berti Vogts mal einen Beinschuss verpasst, was der Berti gar nicht lustig fand. Der Hannes wechselte also auf die andere Seite – aber Berti wechselte mit und jetzt wusste man schon, was kommen würde. Der Berti wollte den Hannes natürlich schön rasieren. Und hat das dann wohl auch mehrmals versucht. So was würde es heute nicht mehr geben.

HERZOG: Es war tatsächlich so, dass der Trainer dir vor dem Spiel zum Beispiel gesagt hat: „Junge, du spielst heute gegen den Berti Vogts.“ Und dann hast du gegen den gespielt und bist mit kaum einem anderen Gegenspieler in Berührung gekommen. Entweder du hast dann ständig auf dem Boden gelegen, weil der Berti ja gerne alles umgekloppt hat, oder du hast ihm eben einen Beinschuss gegeben.

LEHNHOFF: Ja, aber dann wurde es auch gefährlich. Jedenfalls gab’s früher noch Spieler, die hatten Schaum vor dem Mund.

Herr Herzog, wer waren für Sie damals in Ihrer Zeit die besten Außenstürmer?
HERZOG: Stan Libuda war einmalig. Die Gegenspieler wussten immer genau, was der machen würde, und er kam trotzdem immer vorbei. Der hatte Körpertäuschungen drauf, das war einfach klasse. Manchmal lag er schon fast am Boden und kam trotzdem durch. Unheimlich schnell im Antritt. Dann gab’s noch „Ente“ Lippens, ein ganz anderer Typ, aber auch stark. Erwin Kremers fällt mir noch ein.

Wer waren die Helden Deiner Jugend, Peter?
LEHNHOFF: Ganz klar Alan Simonsen. Ich war als kleiner Junge ein Fan von Bor. Mönchengladbach. Und der kleine Simonsen, dem die Trikots immer viel zu lang waren, war für mich der Allergrößte. Auch den Georg „Schorsch“ Volkert fand ich klasse.

Früher sprach man von der Flügelzange, wenn man die beiden Außenstürmer meinte. Herzog/Geye bei Fortuna Düsseldorf waren so ein Paar, auch später Lehnhoff/Heintze bei Bayer 04 – ihr wurdet ja Ende der 90er als „älteste Flügelzange der Welt“ bezeichnet....
LEHNHOFF: Waren wir ja auch. Wobei wir schon nicht mehr die klassischen Außenstürmer waren, sondern mehr aus dem Mittelfeld kamen. Eigentlich sollte ich rechter Verteidiger, halbrechter Mittelfeldspieler, Rechtsaußen und Stürmer in einem sein. Da musste man vor allem schnell sein und konditonsstark, die Technik stand nicht mehr so im Vordergrund.

Mittelstürmer und Mittelfeldspieler erinnern sich an ihre schönsten Tore. Erinnert Ihr Euch an Eure schönsten Flankenläufe?
LEHNHOFF: Meine schönste Vorarbeit war ein Sololauf in einem Spiel mit Antwerpen. Ich bekam den Ball in der eigenen Hälfte, ging an sechs Leuten vorbei, flankte von der Grundlinie zurück und unser Mittelstürmer stand goldrichtig am kurzen Pfosten und machte das Tor.

HERZOG: Peter, ganz große Klasse, aber bei mir waren es in einem Spiel mit Düsseldorf mal sechs Spieler plus Linienrichter. Weil der mir im Weg stand, hab ich den gleich auch noch umbribbelt. Wurde dann auch ein sehr schönes Tor.

FREIER: Bei mir ist das noch gar nicht so lange her. Bei unserem 2:1-Sieg in Dortmund habe ich den Christian Wörns ziemlich schwindelig gespielt und dann für Andrej Voronin zum 1:0 für uns aufgelegt.

HERZOG: Ja, Paul, das war wirklich eine klasse Szene von dir.

Solche Vorarbeiten, die sind doch fast schöner als den Ball nur noch über die Linie zu drücken...
LEHNHOFF: Ja, die Tore gehören dir dann ja auch irgendwie zu 50 oder noch mehr Prozent. Ich kann mich gut erinnern an unser Spiel hier in Leverkusen gegen den PSV Eindhoven 1994. Ein absolutes Highlight in meiner Karriere. Wir gewannen 5:4 gegen eine ganz starke Mannschaft – damals spielte da noch Ronaldo, der auch drei Tore erzielte. Ich habe zwei Mal für Ulf und einmal für Tom Dooley aufgelegt.

Diese Art, wie früher gespielt wurde, also mit den klassischen zwei Außenstürmern, verlangte auch nach dem entsprechenden Mittelstürmer...
LEHNHOFF: Ja, natürlich. Aber die hatten wir ja auch.

HERZOG: Gerd Müller, Klaus Fischer, später Horst Hrubesch – das waren ja Typen, da musstest Du den Ball einfach in den Strafraum bringen. Die standen immer richtig und hauten das Ding irgendwie rein.

LEHNHOFF: Ich habe damals beim FC den Klaus Allofs bedient und den Pierre Littbarski, später bei Bayer 04 dann natürlich den Ulf Kirsten. Die sind im übrigen alle Torschützenkönige geworden. Es stimmt, da hat der Dieter Recht, du konntest bei diesen Mittelstürmern auch schon mal blind reinflanken.

Heute gibt es Scorerpunkte, die Vorlagengeber werden in der Spielstatistik aufgeführt. Früher war das nicht so. Wart Ihr nicht manchmal sauer darüber, dass Eure Zuarbeit in der Öffentlichkeit nicht entsprechend gewürdigt worden ist?
LEHNHOFF: Nee, damit hatte ich keine Probleme. Ich wusste immer, was ich wert bin. Dass in der Öffentlichkeit natürlich die Mittelstürmer im Fokus stehen, hat mich nie gestört.

HERZOG: Es gab ja viele Beispiele für Zuarbeiter, nicht nur auf den Außenpositionen, die unheimlich wichtig waren für die Mannschaft. Was wäre der Günter Netzer ohne den „Hacki“ Wimmer gewesen oder der Franz Beckenbauer ohne den „Katsche“ Schwarzenbeck...

LEHNHOFF:... oder der Wolfgang Overath ohne den Heinz Simmet.

HERZOG: Ja, das waren die, die Drecksarbeit gemacht haben. Also verglichen mit denen, durften wir mit unserer Position schon zufrieden sein.

Peter, hast Du den Dieter Herzog eigentlich mal zu seiner aktiven Zeit live spielen gesehen?
LEHNHOFF: Ja, wir waren damals mit unserer Jugendmannschaft von Alemannia Mariadorf öfters im Rheinstadion. Das war immer ein Riesenerlebnis. Und da habe ich auch den Dieter noch gesehen.

Und wolltest auch gleich so ein berühmter Außenstürmer werden?
LEHNHOFF: Ja klar, davon träumen doch alle Kinder, die Fußball spielen, selber mal vor so einer Kulisse zu spielen. Du bist ja früher im Fernsehen noch nicht so mit Fußball zugeschüttet worden, wie das heute der Fall ist. Damals standen drei Kameras im Stadion, das Größte waren dann abends kurz nach sechs die Spielausschnitte in der Sportschau.

HERZOG: Ich habe neulich übrigens mal von einem Freund so eine Kassette mit einem Sportschau-Ausschnitt von 1973 oder 1974 bekommen. Da war auch die Zusammenfassung von dem Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Bayern München drauf, in dem ich, um das mal nebenbei zu sagen, zwei Tore gemacht habe gegen den Sepp Maier. Wir haben übrigens mit der Fortuna zu Hause damals fast immer gegen die Bayern gewonnen. Was ich aber besonders lustig fand, war, wie dieses Spiel kommentiert wurde. Du denkst, du wärst auf einem Begräbnis. Der Reporter wäre fast eingeschlafen beim Sprechen. „Gutes Spiel, Tor, 4:2“ – das kam völlig emotionslos rüber.

Sie sind seit vielen Jahren in der Scouting-Abteilung von Bayer 04 tätig. Haben Sie damals auch Peter Lehnhoff zu seiner Zeit bei Antwerpen beobachtet?
HERZOG: Ja, habe ich, ein paar Mal sogar. Dragolav Stepanovic wollte den Peter ja unbedingt haben. Ich glaube, ich hätte den eigentlich gar nicht beobachten müssen. Aber er war schon ein wirklich Guter.

Ist nun eigentlich was dran am Spruch, dass Linksaußen und Torhüter – Sie wissen schon....
HERZOG: ... ein bisschen verrückt sind? Ich habe davon bei mir jedenfalls nichts gespürt.


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Letzte Änderung am 04.02.2017 16:52 von leverkusen.
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