Spendenübergabe in Amatrice


Archivmeldung aus dem Jahr 2017
Veröffentlicht: 27.03.2017 // Quelle: Deutsch-Italienischer Club

Die Vorsitzende des Deutsch-Italienischen Clubs, Dorothee Willers-Klein faßt in einem sehr persönlichen Bericht die Eindrücke ihrer jüngsten Italienreise zusammen:

"Am 24. August 2016 hat das schwere Erdbeben mit einer Stärke weit über 6.0 nicht nur eine Region des italienischen Stiefels, nicht nur eines der besonders schönen Dörfer in Mittelitalien zerstört und den Menschen ein großes Stück Zukunft genommen. Mehr als 300 Tote werden in Amatrice, Accumuli und Arquata del Tronto zutiefst betrauert.

Ein Neuanfang, ein Wiederaufbau, Hoffnung oder neue Lebensfreude liegen in weiter Ferne. Die Verzweiflung ist all überall spürbar, greifbar in jedem winzigen Steinchen dieser unendlichen Schuttberge, die einmal Häuser und Heimat waren.

Der Deutsch-Italienische Club Leverkusen e.V. hat nach dem Erdbeben in L’Aquila 2009 und jenem von 2012 in der Emilia Romagna auch diesmal wieder den Spendentopf geöffnet und dank der Spendenfreudigkeit nicht nur der Leverkusener € 3.200,-- für Amatrice, einst eines der schönsten Dörfer Mittelitaliens, gesammelt.

Nein, Häuser können wir keine bauen. Unsere Spende kann nur ein Tropfen des Trostes sein in diesem Meer an Verwüstung und Verzweiflung.

Was wir gesehen haben bei unserem Besuch am 22. März, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Nichts von dem, was Fernsehbilder uns zeigen, entspricht dem Grauen der Wirklichkeit.

Wir erreichten Amatrice an diesem 22.03.2017 nach einer Fahrt durch einen scheinbar friedlichen und paradiesisch schönen Landstrich, in den das Erdbeben immer wieder Wunden gerissen hatte, an der eigentlich normalen Einfahrtstraße in den Ort, die durch das italienische Militär gesperrt war.

Waren wir hier schon am Ende unserer Mission? Immerhin hatten wir doch eine Verabredung mit Bürgermeister Sergio Pirozzi …

Die Soldaten waren sehr freundlich und hilfsbereit. Nach einigen Telefonaten erbaten sie sich unsere Ausweise, den Führerschein meines Mannes, eine Visitenkarte unseres Clubs und schrieben das Nummernschild unseres Mietwagens auf. Nach einem weiteren Telefonat teilte uns der freundliche Soldat mit, dass die Vigili del Fuoco, also die Feuerwehrleute uns abholen wollten.

Um den Kloß im Hals konnte ich mich jetzt nicht kümmern. Ich bedankte mich herzlich und steckte unsere Papiere wieder ein.

Der Feuerwehrmann war sehr nett. Mit großem Ernst klärte er uns über die gefährliche Strecke auf, die nun auf uns wartete. Wir sollten dicht hinter ihm herfahren und sehr vorsichtig sein.

Ich dachte an San Demetrio ‘Ne Verstini 2010 und Crevalcore 2012 und war auf vieles gefasst. Nicht aber auf diese Fahrt durch die sogenannte Rote Zone.

Man hatte viele Wochen gebraucht, um aus den Geröllbergen eine schmale Straße auszugraben und sie befahrbar zu machen, damit das Geröll nach und nach abgetragen werden konnte. Diese Berge, die mal Häuser waren, nahmen kein Ende. Ich hatte das Gefühl, in meinem Autositz verschwinden zu müssen, wurde innerlich immer kleiner, kämpfte mit Tränen und unfassbarem Entsetzen.

Nein, es gibt wirklich keine Worte, die unsere Gefühle beschreiben könnten!

Diese Straße war einmal die schönste des Ortes. Vorbei an den Geröllbergen kommen wir bis zur Kirche San Francesco. Eine Wand steht da. Das große Tor in abruzzesischer Gotik ist zu erkennen – der Rest: Geröll. Zum Glück hatte man vor dem zweiten großen Erdstoß einige der wertvollen Statuen retten können.

Ich erinnerte mich daran, dass die Überlebenden keine Totenmesse in Amatrice hatten halten können, weil nicht eine Kirche das Erdbeben überstanden hatte.

Auf dem von Geröll befreiten Gelände der ehemaligen Scuola Elementare stehen die Container der Comune. Unser freundlicher Feuerwehrmann wies uns einen Parkplatz zu und zeigte uns den Weg zum Container des Bürgermeisters.

Hier standen eine ganze Reihe von Amatriciani, die ein Gespräch mit dem Bürgermeister Sergio Pirozzi suchten. Wir erfuhren viel über ihr Leben in den letzten kalten Monaten mit viel Schnee und ohne Elektrizität und fließendem Wasser. Krankheiten und Probleme mit nicht freigeschaufelten Wegen, sterbenden Tieren und die fehlende Aussicht auf Verbesserungen bestimmten ihren Alltag. Und doch – sie schenkten uns freundliche bis strahlende Lächeln und freuten sich, dass wir den weiten Weg aus Deutschland gemacht hatten.

Diese freundschaftliche Zuneigung erfuhren wir auch bei Sergio Pirozzi, der uns „seine deutschen Freunde“ nannte und uns gar nicht mehr aus seinen Armen lassen wollte. Unsere Mitbringsel fand er wunderbar, weil es sich eben nicht nur um eine schlichte Geldspende handelte. Unser Spendenbuch begeisterte ihn, und von dem Leverkusener Glaswappen mochte er sich gar nicht mehr trennen. Seine Rührung war so ehrlich, dass wir fast schon gemeinsam in Tränen ausbrachen.

Seinen Dank an alle Spender und den besonderen Gruß an unseren Oberbürgermeister Uwe Richrath gebe ich gern weiter.

Die für die Spenden zuständige Assessoressa Mara nahm unsere Spende entgegen und stellte uns die entsprechende Quittung aus. Unser gesammeltes Geld geht in den großen Topf für Soziales. Es ist wirklich nur ein kleiner Tropfen.

Es war ein auch für uns sehr bewegender Besuch, der uns unvergesslich bleiben wird. Die Erfahrung, dass nicht allein die finanzielle Spende sondern unser persönliches Interesse am Schicksal des Ortes große Wertschätzung erfuhr, ging uns sehr nahe.

Wir machten einen Spaziergang durch die begehbaren Straßen und stießen immer wieder auf Geröllberge. Ein leergeräumter Platz dient dazu, Steine und Eisenstangen zu sortieren. Auf einem anderen Platz wurden nach der Räumung die ersten Nothäuser aus Holz aufgebaut. Man hat versucht, dieses Gelände so freundlich wie möglich zu gestalten.

Immer wieder boten sich uns erschreckende und erschütternde Anblicke.

Da war das Haus, das man nur an seinem Dach erkennen konnte, dessen Besitzer sein Leben verloren hatte wie wir erfuhren.

In einer anderen Straße hatte sich die erdbebensicheren Häuser aus ihrer Verankerung gerissen uns lagen irgendwie in einem gekippten Zustand.

Da war der Fiat Panda, den es erwischt hatte. Ob er noch zu retten war, war fraglich.

Aus einem Geröllberg ragten Matratzen heraus, ein rotes Kleid hing in Fetzen, Kleidungsstücke, ein Kinderschlafanzug, einzelne Schuhe Taschen und Rucksäcke, unbrauchbar geworden im Schutt … Und dann das kaputte Kinderspielzeug …

Bilder, die sich in die Seele brennen

Und doch: Amatrice sucht den Weg in ein neues Leben. Und wir werden wiederkommen und bewundern, was dieser großartige Bürgermeister geleistet hat und leistet. Sergio Pirozzi lebt für seine kleine Stadt und hat auch keine Angst, die Politiker, die nicht in die Spur kommen, verbal abzuwatschen. Er hat bisher schier Unmögliches geleistet und ist ein absolutes Organisationstalent. Ich bin davon überzeugt, dass er es schafft, sein Dorf wieder erblühen zu lassen.

Forza Amatrice!"


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

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