Tobias Scherbarth: „Plane bis zur Heim-EM in Berlin“


Archivmeldung aus dem Jahr 2017
Veröffentlicht: 14.03.2017 // Quelle: TSV Bayer 04

Stabhochspringer Tobias Scherbarth, Olympia-Teilnehmer und 2015 WM-Siebter, hat die Hallen-Saison ausgelassen, nun aber neue Höhenflüge im Visier. Nach einem Trainingslager in Südafrika und einer weiteren intensiven Trainingsphase soll der Saisoneinstieg Mitte Mai erfolgen. Anfang Juli gilt es, den Deutschen Meistertitel zu verteidigen. Im Interview spricht der 31-Jährige vom TSV Bayer 04 Leverkusen auch über die Begleiterscheinungen der letztjährigen Dreifach-Periodisierung, die Zusammenarbeit mit den Trainern Leszek Klima und Dan Pfaff sowie über seine beruflichen Pläne.

Tobias Scherbarth, Sie sind in der Hallen-Saison nicht in Erscheinung getreten. Warum?

Tobias Scherbarth:
Ich hatte ein paar kleinere Probleme in der Vorbereitung und zunächst immer noch mit einem Start geliebäugelt. Ich habe dann aber gemerkt, dass ich nicht über hundert Prozent meiner Kräfte verfüge. Die Hallen-Saison ist so kurz, da habe ich beschlossen, sie auszulassen. Denn wenn du in der Hallen-Saison nicht von Anfang an voll da bist, wird das nichts. Ich habe nicht gesehen, dass ich um den Deutschen Meistertitel mit springen kann.

Wie zutreffend sind Vermutungen, Ihr Verzicht habe auch damit zu tun, dass die Hallen-EM in Belgrad (Serbien) war? Dort haben Sie sich 2009 bei der Studenten-WM den Fuß gebrochen, was Sie die Teilnahme an der WM in Berlin gekostet hat.

Tobias Scherbarth:
Dieser Gedanke ist mir tatsächlich auch durch den Kopf gegangen. Vielleicht habe ich wirklich kein gutes Verhältnis zu Belgrad. Aber in normaler Verfassung hätte dieser Aspekt keine Rolle gespielt.

Wie zufrieden waren Sie nach den letzten internationalen Großereignissen?

Tobias Scherbarth:
Naja, immerhin stand ich vor zwei Jahren bei der Hallen-EM mit Platz neun im Finale und sprang bei der WM in Peking auf Platz sieben, was in meinen Augen ein sehr gutes Ergebnis ist. Aber sonst hat es manchmal eben nicht gereicht.

In Rio war aber auch Pech im Spiel. Da ist die Latte bei 5,60 Meter zwar gehüpft, zunächst liegen geblieben, aber dann doch noch gefallen.

Tobias Scherbarth:
Ich würde nicht sagen, dass es mir an Glück gefehlt hat, sondern da waren es verschiedene Faktoren, die letztendlich zum Ausscheiden geführt haben. Ich möchte das nicht am Lattenpech festmachen.

Haben Sie dennoch ein positives Saison-Fazit gezogen? Schließlich sind Sie Deutscher Meister geworden und haben Ihre persönliche Bestleistung auf 5,75 Meter gesteigert.

Tobias Scherbarth:
Ich kann nur sagen, dass es für mich schwer war, mit dem Qualifikationsstress im Vorfeld zurechtzukommen. Man will zu Olympia. Und da habe ich für mich nur diese eine Chance gesehen, weil ich bis 2020 nicht mehr plane, zumindest aktuell nicht. Dann ist in Deutschland der Kampf immer hart. Man geht im Vorfeld der Saison davon aus, dass vier, fünf oder sechs Leute die Norm springen und es dann ein Hauen und Stechen gibt. Deshalb war für mich das oberste Ziel Deutscher Meister zu werden und das Ticket so früh wie möglich in der Tasche zu haben. Aber dadurch kam es zu einer Dreifach-Periodisierung. Du musst die Norm springen und bei den Deutschen Meisterschaften fit sein. Dann haben wir die EM gemacht, dann kam noch Olympia. Irgendwie hat es dann einfach nicht funktioniert. Ich konnte mich zwar qualifizieren und sogar am aussichtsreichsten und am klarsten von allen deutschen Stabhochspringern mit mehrfach überbotener Norm. Aber das bei der EM und bei Olympia war sehr enttäuschend. Letztendlich bin ich aber sehr dankbar und glücklich, einmal die Erfahrung gemacht zu haben, bei Olympia als Athlet dabei gewesen zu sein.

Jetzt geht das Ganze wieder los. Die Mindestleistung zur Teilnahme an der WM liegt bei 5,70 Metern. Werden die DLV-intern reichen, um in London dabei zu sein?

Tobias Scherbarth:
Das ist bei uns jedes Jahr das Gleiche. Im Vorfeld der Saison wird vermutet, dass fünf oder sechs Leute dabei sind, die die Norm springen können. Da muss man einfach abwarten, wie das aussieht. Ganz klar: Ich muss auf mich schauen und versuchen meine Leistung zu erbringen. Da bin ich auch ganz zuversichtlich, dass ich mit meiner Erfahrung, mit meiner Fitness und mit meinem Können gute Chancen habe nach London zu fahren.

Sie müssen ja quasi bei der DM Anfang Juli in Erfurt in Top-Form sein und einen Monat später bei der WM noch immer. Wie geht das?

Tobias Scherbarth:
Das lässt sich schon planen. So eine Doppel-Periodisierung ist ganz normal. Mit vier Wochen dazwischen finde ich es okay. Man plant bis zu den Deutschen Meisterschaften, will im Vorfeld die Norm abhaken, muss bei der DM in Top-Form sein und kann dann noch einmal vier Wochen die Form halten. Das ist schon möglich.

Am 27. Juli, zehn Tage vor der WM, finden in Leverkusen die Stabhochsprung Classics statt. Welchen Stellenwert hat diese Veranstaltung?

Tobias Scherbarth:
Das ist ein letzter Formtest vor eigenem Publikum. Von der Motivation her ist das immer eine coole Sache in Leverkusen zu springen. Da springe ich immer sehr gerne, das hat ja auch meine Bestleistung im letzten Jahr gezeigt. Man muss sehen, wie die Saison bis dahin läuft. Natürlich wenn man sich für die WM qualifiziert, ist das ein reiner Test-Wettkampf, bei dem man sich vielleicht Sicherheit holt im Bereich von 5,70 Meter, dass man sich sicher ist, sich fürs Finale qualifizieren zu können. Ob man dann Richtung Bestleistung geht und in die Grenzbereiche, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wenn man sich nicht qualifizieren sollte, dann kann man wirklich in die Grenzbereiche gehen und Richtung Bestleistung.

Es sind ja immer Weltklasse-Athleten da – auch weil Leverkusen gerne als Standort während der Europa-Wettkämpfe gewählt wird.

Tobias Scherbarth:
Wir haben ein gutes Netzwerk, wir sind ja mit vielen Stabhochspringern weltweit befreundet. Die wissen von Leverkusen und dass wir eine sehr gute Anlage haben, auf der immer gute Höhen gesprungen werden. Ich bin gespannt, wann der erste Sechs-Meter-Sprung hier stattfindet. Vielleicht ja in diesem Jahr. Ich hoffe, dass wir wieder einen Weltmeister oder einen Olympiasieger an den Start bringen. Renaud Lavillenie war noch nie auf unserer Teilnehmerliste. Aber zehn Tage vor der WM wird es sicher schwer ihn zu kriegen.

Wegen des besonderen Stellenwerts in der Stabhochsprung-Szene sind Sie ja auch als Jugendlicher von Leipzig nach Leverkusen umgesiedelt.

Tobias Scherbarth:
Das war mit 18 oder 19, also direkt nach der Schule. Ich wollte Stabhochspringer werden, das war für mich ganz klar. Ich war in der Jugend kein wirklicher Springer, hatte eine Bestleistung von 4,80 Meter. Ich wollte unbedingt bei Leszek Klima trainieren. Es ist ihm der Ruf voraus geeilt, dass er ein toller und erfolgreicher Trainer ist. Und dann natürlich die Rahmenbedingungen in Leverkusen, die Infrastruktur, das ist perfekt. Diese Faktoren haben mich veranlasst, nach Leverkusen zu wechseln.

Warum haben Sie zwischenzeitlich bei Dan Pfaff in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona trainiert?

Tobias Scherbarth:
Ich arbeite jetzt im 13. Jahr mit Leszek Klima. Irgendwann hat jeder sein Repertoire an Trainingsmethoden und technischen Anweisungen ausgeschöpft und hat einem alles beigebracht, was er weiß. Deshalb fungiert Leszek Klima heutzutage eher als Ratgeber, so dass ich sehr eigenständig trainiere. Er war auch schon immer offen für neue Inputs durch andere Trainer, hat sich selber auch immer weiter umgesehen, was man anders machen kann, besser machen kann. Dementsprechend habe ich auch versucht, mir anderweitig Inputs zu holen. Dan Pfaff ist ein renommierter Trainer mit zahlreichen Erfolgen, vor allen Dingen mit älteren und verletzungsanfälligen Athleten. Ein Beispiel ist Donovan Bailey, den er mit über 30 zum Olympiasieg geführt hat. Oder Greg Rutherford, der sich vorher oft in der Qualifikation einer Weltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen verletzt hat. Ihn hat er auch zum Olympiasieger gemacht. International ist bekannt: Der Mann hat ein Händchen für sensible Athleten. Deswegen habe ich den Kontakt gesucht. Das war alles in Absprache mit Leszek Klima und von ihm unterstützt. Er war auch interessiert, was ich an Trainingsplänen und Know-how mitgebracht habe. Das ging Hand in Hand. Aber nach wie vor war Leszek Klima immer mein Trainer, da gab es nie einen Zwist, da war alles in Harmonie.

Besteht die Zusammenarbeit mit Dan Pfaff noch?

Tobias Scherbarth:
Die gibt es noch, aber auf einer rein beratenden Ebene. Man schreibt sich E-Mails, skypt und schickt sich Videos, aber eher sporadisch, nicht planmäßig oder regelmäßig. Ich war von 2012 bis 2016 in jedem Jahr ein- oder zweimal in einem Trainingslager bei ihm, da habe ich sehr viel gelernt. Jetzt fungiert er als Mentor und Ratgeber.

Im Januar haben Sie in Leverkusen das „Season Opening“, quasi das Neujahrsspringen, moderiert. Wie kam es dazu?

Tobias Scherbarth:
Ich wurde gefragt und habe spontan zugesagt. Ich habe ein gutes Auge beim Stabhochsprung, mich kennen die Athleten. Ich weiß nicht, ob vorher jemand gefragt wurde und alle abgesagt haben. Jedenfalls habe ich es ganz gerne gemacht. Ich konnte selber nicht teilnehmen und hätte es mir sowieso angeschaut. Da hat es sich angeboten, dass ich ein paar Worte zum Wettkampf sage. Ich nehme an, dass es gut aufgenommen wurde. Ich habe jedenfalls keine Kritik gehört.

Ist denkbar, dass Sie nun häufiger kommentieren oder moderieren?

Tobias Scherbarth:
Prinzipiell kann ich mir vieles vorstellen, aber ich strebe keine professionelle Moderatoren-Karriere an. Aber wenn sich so etwas mal wieder ergibt, würde ich nicht nein sagen.

Sie sind im Moment Stabhochsprung-Profi. Wie lange noch?

Tobias Scherbarth:
Momentan plane ich bis 2018, also bis zur Heim-EM in Berlin. Dort würde sich für mich der Kreis zum verletzungsbedingten Ausfall bei der WM 2009 schließen. Das wäre sicher ein weiterer toller Karriere-Höhepunkt und ein schönes Ende. Vielleicht ergibt sich aber auch in der Zwischenzeit etwas. Ich höre mich beruflich auf jeden Fall um und versuche mein Netzwerk zu nutzen, möchte aber so nah wie möglich am Sport dranbleiben. Ich bin Diplom-Sportwissenschaftler und habe einen MBA in Sport-Management, bin also in beiden Richtungen gut aufgestellt. Auf der einen Seite ist der Trainerberuf gut vorstellbar, auf der anderen Seite eine Tätigkeit im Sport-Management.

Wie sehen die nächsten Wochen aus?

Tobias Scherbarth:
Am Freitag geht es für zweieinhalb Wochen ins Trainingslager nach Südafrika. Danach haben wir noch den kompletten April und die ersten zwei Mai-Wochen, bis die Wettkämpfe losgehen. Eventuell bestreite ich bei unseren Vereins-Meisterschaften am 13. Mai den Saisoneinstieg. Das muss ich aber noch mit meinem Manager Marc Osenberg und mit meinem Trainer besprechen. Kurze Wege, ein kleiner Formtest, aber da werde ich wahrscheinlich noch nicht Richtung WM-Norm schielen.


Anschriften aus dem Artikel: Albert-Einstein-Str 58, Alte Landstr 129

Kategorie: Sport
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