Sonankuppam sechs Monate nach der Flutkatastrophe


Archivmeldung aus dem Jahr 2005
Veröffentlicht: 04.07.2005 // Quelle: Stadtverwaltung


Annette Rottländer, Referentin Projektgruppe Fluthilfe der Deutschen Welthungerhilfe, betrachtet mit dem Leiter des Fachbereichs Oberbürgermeister, Rat und Bezirke, Ralf Johanns, selbstgebastelte Spendenaufrufe von Leverkusener Schulen.
Sechs Monate nach der verheerenden Flutkatastrophe in Südostasien haben die Menschen im indischen Fischerdorf Sonankuppam mit Leverkusener Hilfe wieder eine Lebensperspektive. Das berichtete Annette Rottländer, Referentin Projektgruppe Fluthilfe bei der Deutschen Welthungerhilfe, bei einem Besuch im Büro des Oberbürgermeisters in Leverkusen.
Ein halbes Jahr, nachdem die tödliche Tsunami-Welle das Fischerdorf im Distrikt Cuddalore traf und Menschen, Häuser und die Lebensgrundlage der Einheimischen mit sich riss, gehen die ersten Fischer wieder ihrem erlernten Beruf nach und wagen sich auf das Meer. 345 Familien haben mit Leverkusener Spenden mit neuen, bzw. reparierten Booten wieder ein Auskommen, zusätzlich auch Fischverkäufer und andere Menschen aus Fisch verarbeitenden Berufen.
Sonankuppam im tamilischen Südosten Indiens wurde an dem tragischen Sonntagvormittag von einer acht Meter hohen Flutwelle getroffen. Kurz nachdem die gigantische Welle den 2000-Seelen-Ort überrollt hatte, blieben Tod und Zerstörung. „Dies war einmal ein schönes Dorf“, berichtete der Dorfvorsteher Duraimuga Selvam mit Tränen in den Augen. „Das meiste ist jetzt ausradiert.“
„Sie müssen sich den Platz, wo einmal das Dorf stand, wie leergefegt vorstellen“, berichtet Annette Rottländer. Die Welle habe das Dorf mit voller Wucht getroffen und mit ihrem Sog anschließend alles weggerissen. Nur hier und da eine Bodenplatte zeige an, wo einmal ein Haus gestanden habe.
Tragisch ist auch der menschliche Verlust. Über 40 Tote werden betrauert, Hunderte wurden zunächst vermisst. Noch Tage nach der Katastrophe zogen Helfer Tote aus dem Meer, und die Angehörigen suchten den von Trümmern und Wrackteilen übersäten Strand nach angespülten Toten ab, stets in der Angst, ein Familienmitglied zu erkennen.
Beobachter berichteten von erschütternden Szenen. “Das Wasser hat mein Kind gefressen!“ schrie die 28-jährige Abirami Kadirvel, die ihren zehnjährigen Sohn unter den Toten fand. Sie war zum Markt gegangen und hatte das Kind schlafend zuhause gelassen, als die Welle kam. Die Haustür hatte sie noch verschlossen. Das vergibt sie sich nicht. „Wie soll ich weiterleben?“ fragte sie weinend.
Viele Dorfbewohner sahen ihre Kinder ertrinken. So zum Beispiel der Fischer Murugesan, dessen Sohn und Tochter sich nicht auf dem Baum hatten halten können, auf den die Familie geflüchtet war. Auch der Fischer Jagannathan Perumal musste miterleben, wie seine dreijährige Tochter in einem Massenbegräbnis beigesetzt wurde. Seine Frau schrieb während dessen stumm wieder und wieder den Namen ihrer Tochter in den Sand.
Traumatisiert sind nicht nur Erwachsene, sondern vor allem die Kinder. Fachleute sprechen schon von der „Tsunami-Generation“. Amerikanische Ärzte, die zur Notversorgung nach Sonankuppam gekommen waren, berichteten von kleinen Mädchen, die sich angsterfüllt an sie klammerten, wenn sie sich dem Tod bringenden Meer näherten. Die 8-jährige Preta und ihre 9-jährige Freundin Sandhya waren den tödlichen Wellen entkommen. Doch sie hatten miterlebt, wie ihre Freundin umkam, die sie noch eben an der Hand gehalten hatten.
So war das tamilische Erntedankfest „Pongal“ im Januar von Trauer überschattet. Statt mit blumengeschmückten Booten auf das Meer zu fahren, besuchten die Überlebenden der Flut still den Tempel. Statt süßen Reis für ihren Gott zu kochen und seinen Segen für ihre Häuser und den Fischfang zu erbitten, behalfen sie sich mit Notrationen aus einer Gemeinschaftsküche und begingen die üblicherweise bunt-fröhlichen Pongal-Tage in Behelfsunterkünften.
Seitdem haben die 700 Familien aus Sonankuppam ereignisreiche Wochen erlebt. Voller Andacht bargen sie drei Monate nach dem traurigen „Pongal“-Fest eine angespülte Buddha-Statue aus dem Meer. Die Holzstatue müsse aus Indonesien oder Sri Lanka stammen und durch die Flutwelle mitgerissen worden sein, so die Vermutungen. Zwei Tage lang wurde die Buddha-Statue in einem Tempel verehrt, bevor sie an das Regierungsmuseum übergeben wurde.
Dagegen waren Gefühle des Allein-Gelassen-Werdens aufgekommen, als „Bollywood“-Star Viveka Oberoi, der Held indischer Filmepen, ihre Region besuchte und ein Nachbardorf adoptierte. Während in seinem Gefolge auch andere Stars ihre Wohltaten auf einzelne Dörfer regnen ließen, forderten nicht nur Sprecher von Sonankuppam, die Spenden gerecht zu verteilen.
Diese Forderung stieß nicht auf taube Ohren. Dank der guten Koordinierung der indischen Regierung haben Sonankuppam und vier Nachbardörfer jeweils einen deutschen Projektpartner zugewiesen bekommen. Die blitzlichtbeleuchtete Prominenz ist abgereist, geblieben sind die professionellen Hilfsorganisationen. Deren Hilfe kommt gezielt dort an, wo sie nötig ist. Das bestätigt das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit bei einem Erfahrungsaustausch nordrhein-westfälischer Kommunen.
So erhält Sonankuppam die Hilfe der Stadt Leverkusen, während Nachbardörfer von anderen deutschen Projektpartnern, zum Beispiel der Stadt Bonn, unterstützt werden. Die Absprachen der Hilfsorganisationen untereinander sind ausgezeichnet, davon überzeugte sich eine Bonner Delegation vor Ort. Die von den Einwohnern Sonankuppams befürchtete ungleiche Verteilung der Spenden ist in einer gut strukturierten Aufbauhilfe gewichen.
Im Mai endlich konnten die ersten Fischer mit neuen Booten auf Fischfang gehen. „Jetzt können wir unsere Gemeinde wieder aufbauen, statt müßig herumzusitzen“, sagte der Fischer Bhaskar. Endlich wieder mit dem Boot aufs Meer und volle Netze nachhause bringen sei der größte Ansporn für die Männer, meinen Beobachter. Auch dies ist ein Erfolg der Hilfen, bei denen es zugleich um Traumabewältigung geht. Denn wie tief die Angst sitzt, zeigte sich am 27. Mai. Nur eine Sturmwarnung genügte, dass die Einwohner von Sonankuppam panisch aus ihren Häusern flüchteten und sich erst Stunden später zurücktrauten. Da hatte sich der Alarm längst als falsch erwiesen.
Anschriften aus dem Artikel: Alte Landstr 129, Albert-Einstein-Str 58

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