Stadtplan Leverkusen
27.01.2018 (Quelle: Internet Initiative)
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Holocaust-Gedenktag im Forum


Anläßlich des heutigen Holocaust-Gedenktags wurde gestern - umramt vom Bass-Cello-Orchester der Musikschule - die Ausstellung "Menschen - Steine - Migrationen" im Forum eröffnet. Nach einer Begrüßung durch VHS-Leiter Gerd Struwe, einer ausführlichen Rede von Bürgermeister Bernhard Marewski und erläuterte Thomas Ridder die Ausstellung.

Wir dokumentieren hier die Rede von Bürgermeister Marewski anhand seines Manuskriptes:
"Sehr geehrter Herr Ridder,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ich begrüße Sie im Namen der Stadt Leverkusen zur Ausstellungseröffnung "Menschen-Steine-Migration" zum Holocaust-Gedenktag.
Herr Oberbürgermeister Richrath bedauert sehr, dass er wegen anderer Verpflichtungen (Perspektivklausur der NRW-SPD in Bonn) nicht kommen kann und bittet, dies zu entschuldigen.

Der Holocaust-Gedenktag markiert den Jahrestag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz "befreit" wurde.
Allerdings:
"Befreit" wurden zu diesem Zeitpunkt nur wenige Menschen, die das Vernichtungslager überlebt hatten.
Sie sind Zeitzeugen, die - soweit sie dies persönlich verkrafteten - vom unermesslichen Grauen der Nachwelt berichten konnten.

Dokumentationen zeigen zu Skeletten abgemagerte Häftlinge mit geschorenen Köpfen, denen das Erlittene aus den Augen schaut.
Unerträglich ebenso die Filmaufnahmen,die zeigen, wie Toten mit einem Bulldozer in Gräber geschaufelt wurden.

Allen diesen Menschen gleich waren die eintätowierten Nummern am Unterarm.
KZ-Opfer waren "namenlos", sie hatten im Leiden kein "Gesicht".

Es liegt an uns, … es ist unsere menschliche Verpflichtung, diesen Menschen ihr "Gesicht" zurückzugeben … indem wir uns ihrer erinnern, … ihrer Namen, ihrer Persönlichkeiten.

Auch in Leverkusen ist es bis heute so, dass wir, wenn wir Namen verschiedener Familien hören, an den Holocaust denken …
Familien, die vor dem sogenannten "Dritten Reich" mitten unter uns ein ganz "normales" Leben führten:
- die Bäckersfamilie Nathan, bei der die Bayer-Mitarbeiter nach der Schicht ihre Brötchen kauften
- der Bayer-Chemiker Dr. Weiler, Abteilungsleiter im Ruhestand
- die Familie Heumann, Inhaber eines Maler- und Tapetengeschäfts
- der Metzger Salomon, der im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhalten hatte
- die Opladener Schwestern Benjamin mit ihrem Bekleidungsgeschäft
- die Hitdorfer Familie Herz, angesehene Viehhändler in der dritten Generation, deren Sohn Bauern zur Flucht verhalfen,
- die Wiesdorfer Familie Badler

Sie waren Leverkusener, Opladener und Schlebuscher, sie waren Nachbarn, sie waren in der Gesellschaft angesehen und anerkannt, sie engagierten sich gesellschaftlich und auch politisch.

Während des Krieges und danach verließen viele Überlebende Deutschland … ihre Heimat. Die Erinnerung an das erlebte Grauen blieb unauslöschlich.
Hinzu kam dann noch lange das Heimweh … Heimweh nach Hitdorf, wie bei Philipp Herz in Argentinien - so wird berichtet - oder bei den Badlers aus Schlebusch, die in Israel auch etwas dem Karneval nachtrauerten.

In Leverkusen zeugt von dem jüdischen Leben vor 1933 nur der Jüdische Friedhof, der 1939 "stillgelegt" worden war, … und vor knapp 2 Jahren im Jahre 2016 - nach 77 Jahren - vom Verein Davidstern als Teil des neu entstehenden jüdischen Lebens in Leverkusen wieder in Betrieb genommen wurde.

Vom jüdischen Alltag ist nach der beispiellosen Barbarei des Dritten Reichs nichts mehr erhalten.

Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten zeigt exemplarisch, was - ungeachtet von regionalen Unterschieden - in Leverkusen gewesen sein kann.

Jüdisches Leben im Rheinland in seinen Facetten - als normaler Alltag.

Jüdisches Leben ohne die Opfer-Perspektive.
Dieser Blick auf das alltägliche Leben … macht - mit Blick auf den später folgenden Holocaust -
die Geschehen während der Nazizeit umso fassungsloser.

Alteingesessene Familien - so auch in unserer Stadt - wurden von einem auf den anderen Tag ausgegrenzt und verfolgt wurden, vertrieben, deportiert, ermordet .

An diese Geschichte unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erinnern, ist ein Zurückgeben der Würde, … auch Trauerarbeit, … vor allem aber ein Auftrag für alle:

In Deutschland, … nein, nicht nur hier, sondern in Europa, in der Welt, … darf Fremdenhass, … darf Antisemitismus … aber grundsätzlich jegliche rassistisch und religiös begründete Menschenfeindlichkeit nicht hingenommen werden.

Dafür Sorge zu tragen, dass wir - von gegenseitigem Respekt geprägt - friedlich und freundschaftlich in der Gesellschaft zusammenleben, ist für uns alle eine unumstößliche Verpflichtung.

Hinter diesem Grundsatz für unsere freie, demokratische Gesellschaft stehen bei uns in Leverkusen alle Religionsgemeinschaften, ohne Ausnahme.

Dies zeigt sich zum Beispiel bei der jährlichen Gedenkstunde am 9. November, wenn am Platz der Synagoge der Opfer des Holocaust gedacht wird.

Repräsentanten von christlichen, jüdischen, muslimischen und buddhistischen Religionsgemeinschaften erinnern gemeinsam an die Opfer von Rassenhass und mahnen ein gewaltfreies, tolerantes Miteinander an.

Jede Generation muss sich diese Erkenntnis neu erarbeiten.

Unsere Schulen setzen daher ein Zeichen der Hoffnung, wenn sie sich mit dem Holocaust auseinandersetzen … so zum Beispiel
- die Schülerinnen und Schüler des Landrat-Lucas-Gymnasiums und der Montanus-Realschule mit ihren Beiträgen zur Gedenkstunde am Platz der Synagoge und
- das Lise-Meitner-Gymnasium, deren Schülerinnen und Schüler die "Stolpersteine" mit ihrer Putzaktion sichtbar bleiben lassen.

Besonders möchte ich an dieser Stelle auch der Musikschule mit ihrem Leiter Herrn Ohrem danken. Unsere Leverkusener Musikschule hält seit Langem mit ihren Klezmer-Gruppen das jiddische Liedgut lebendig und trägt mit ihren Reisen nach Israel zur Aussöhnung bei.

Vielen Dank, Herr Ohrem, dass Sie ermöglicht haben, auch diesen Abend wieder so gefühlvoll mitzugestalten, dieses Mal mit dem "Cello-Ensemble der Musikschule".

Erlauben Sie mir einige Sätze zur Gegenwart,
bevor wir gleich den Blick auf das vergangene jüdische Leben richten.

In Leverkusen gibt es seit zwanzig Jahren wieder eine jüdische Gemeinschaft.

Wenn Sie Erinnerungsstücke aus deren Vergangenheit sehen möchten, dann finden Sie diese derzeit in der Villa Römer in der Ausstellung über die lokale Migrationsgeschichte : "Angekommen - angenommen".

Die Familie Ismikhanov vom Verein Davidstern stellt sich dort vor - als Stimme der ehemals russischen jüdischen Zuwanderer, die in Deutschland Schutz vor Diskriminierung gesucht haben.

Dieses Vertrauen in Leverkusen als einen Ort, der aus den bitteren Lehren der Vergangenheit gelernt hat, dürfen wir nicht enttäuschen.

Unser Anspruch an einen respektvollen, friedlichen Umgang geht in alle Richtungen: Er ist der Grundstein für ein Leben in Frieden und Sicherheit.

Wegen der aktuellen Zunahme von antisemitischen Vorfällen hat der Bundestag vor einer Woche auf gemeinsamen Antrag von Union, SPD, Liberalen und Grünen beschlossen, die Stelle für einen Beauftragten zur Bekämpfung des Antisemitismus einzurichten.
Der Beschluss war auch ein Signal an die jüdische Gemeinde, dass ihre Sorgen vor Bedrohung ernst genommen werden.

In Leverkusen richtet dankenswerterweise unsere Volkshochschule … traditionell … eine Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag aus.

Ich danke allen, die zur heutigen Veranstaltung beigetragen haben,
und Ihnen, den Gästen, dass Sie mit Ihrem Besuch das wichtige Anliegen unterstützen, … so mit dazu beitragen, allen Menschen stets mit Würde zu begegnen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar."
So steht es auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an allererster Stelle unter römisch I - Die Grundrechte -, Artikel 1, Satz 1 … und das mit Recht.

Herr Ridder vom jüdischen Museum wird uns als Kurator gleich die Ausstellung "Menschen - Steine - Migration" erläutern.

Wir werden von dieser Ausstellung und den Aussagen sicherlich beeindruckt sein, und … wir werden das mahnende Gedenken aufnehmen.

Dieser Ausstellung, die noch bis zum 23. Februar geht, wünsche ich viele interessierte Gäste."



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Letzte Änderung am 27.01.2018 07:25 von leverkusen.
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