Bonn. Kabinettssitzung mitten im Sommerloch. Bundeskanzler Helmut Kohl, Finanzminister
Waigel, Außenminister Kinkel, Wirtschaftsminister Rexrodt, Innenminister Manfred (Hannibal) Kanther, Arbeitsminister Blüm, Zukunftsminister Rüttgers samt magischer Kristallkugel, Familienministerin Claudia Nolte und Unions-Fraktionschef Wolfgang Schäuble haben an einer dicken Nuß zu knacken.
Kohl: Freunde, wir haben ein Problem.
Waigel (schreckt auf): Ein Problem? Nur eins? Ich habe insgesamt 57 Milliarden Probleme!
Jede Mark, die ich nicht habe und die ihr ausgeben wollt!
Kohl: Jammere nicht so rum. Unser Problem ist viel schwerwiegender. Die Umfrageergebnisse
sind katastrophal. Wir waren wohl zu gründlich darin, uns unbeliebt zu machen [vergl.
POLITEIA 175]. Und jetzt kriegen wir die Kurve nicht mehr. Dieser Medienfrozzel aus Hannover
liegt immer noch 20 Punkte vor uns.
Schäuble: Wir müssen was tun.
Kohl: Immerhin gibt es einen Punkt, an dem wir ansetzen können. Wenn wir dieses
bestimmte Problem in den Griff kriegen, dann wird der Charme dieses Windbeutels
hinwegrosten wie ein Golf auf dem Meeresgrund.
Kinkel: Ist das Konfuzius?
Kohl (irritiert): Nein, Hintze. Ich kann aber mal gucken, ob wir einen Konfuzius auf der
Gehaltsliste haben. Scheint ein brauchbarer Mann zu sein. Aber um aufs Thema
zurückzukommen: In einem schwachen Moment habe ich mal versprochen, die Arbeitslosigkeit
bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Leider habe ich das in einem noch schwächeren Moment
abgeschwächt. Trotzdem: Wenn wir überleben wollen, müssen wir wenigstens einen Teil der
Halbierung bis zur Bundestagswahl schaffen.
Nolte: Aber - das sind nur noch sechs Wochen!
Kohl: Hab' ich gesagt, daß es einfach werden wird?
Schäuble: Als erstes könnten wir einen Blick in die Zukunft werfen. Jürgen, werden wir im
Jahr 2000 noch an der Macht sein? Und wie werden wir das Problem in den Griff bekommen
haben?
Rüttgers: Einen Moment ... (stiert angestrengt in die Kristallkugel und bewegt sie leicht und
her, während die anderen gespannt schweigen) Ich sehe ... Helmut ... er leistet gerade den
Amtseid in Gegenwart von Kaiser Wilhelm II. (runzelt die Stirn, klopft leicht an die Kugel) Ah,
jetzt wird's deutlicher! Ich sehe ... Rühe ... bei einer Rede an die Soldaten ... er sagt: "Jeder
Schuß ein Ruß' ... jeder Stoß ein Franzos' ... jeder Tritt ein Brit'..."
Kohl (entsetzt): Das glaube ich einfach nicht. Das ist ja wie vor 100 Jahren!
Rüttgers: 100 Jahre? (geht ein Licht auf) Verdammt! Das blöde Ding macht Zicken bei der
Jahrtausendwende! Wir brauchen dringend ein Update!
Waigel: Kommt überhaupt nicht in Frage! Nicht von meinem geliehenen Geld!
Kohl: Dann muß es eben ohne gehen. (Schweißperlen auf der Stirn) Ich warte auf Vorschläge
... Sprecht!
Claudia Nolte: Ich bin dafür, die Lohnnebenkosten zu senken. Wir könnten den Bürgern
sagen, daß sie für die nächsten Jahre zwar den Gürtel enger ....
Kohl (drängend): Jahre, Jahre, Mädchen, du redest von Jahren! Wir haben noch sechs Wochen
und keinen Tag mehr!
Blüm (zieht eine rote Mappe aus der Tasche mit der Aufschrift "Nur öffnen, wenn nichts
anderes mehr hilft"): Dann müssen wir eben mit der Brechstange ran. Hier steht: "Erster
Vorschlag: Statistiker bestechen".
Schäuble (verärgert): Ach hör doch auf mit den ollen Kamellen! Der Trick kommt von
Ceausescu. Bei dem wurde es aufgrund der Brennstoffknappheit auch nie kälter als fünf Grad
minus. Außerdem werden die Jungs vom Statistischen Bundesamt auch immer unverschämter.
Blüm (beleidigt): Dann eben nicht. Nächster Punkt: Sklavenhandel. Wir fangen die
Arbeitslosen in den Arbeitsämtern ein und verschiffen sie nach Asien oder meinetwegen auch
nach Holland ...
Kinkel: Das ist hart ...
Blüm (unbeirrt): ... jedenfalls dahin, wo Arbeitskräfte gebraucht werden.
Rüttgers (angenehm überrascht): Gute Idee, hat auch den Vorteil, daß die meisten
Arbeitslosen SPD wählen ...
Schäuble: Der ganze Plan ist doch Schwachsinn. Der "Spiegel" braucht höchstens drei
Wochen, um das rauszukriegen - also drei Wochen zu früh. Und wir hätten die Wahl endgültig
verloren.
Rüttgers (langsam): Leute, ich hab' eine Idee. Sie ist revolutionär und gleichzeitig genial
einfach. Sie würde uns etwa 10% der derzeitigen Arbeitslosen vom Hals schaffen -
Kohl: Zu wenig!
Rüttgers: -, und gleichzeitig wäre der Kandidat der SPD mit einem Mal chancenlos, weil er
und seine Partei einfach nicht mehr existierten.
Alle: Hä?
Rüttgers: Freunde, wir löschen den Buchstaben "S" auf dem Alphabet. Gleichzeitig würden
alle Arbeitflofen, deren Name mit "F" anfängt, auf der Ftatiftik fliegen. Ein Gegenkandidat
Pfröder wäre chancenlof. Und ich hätte kein Problem mehr mit dem Lifpeln.
Kohl: Daf ift die Idee! Brillant und politipf weitfichtig! Wolfgang, waf fagft du dazu?
Pfäuble: Ich weif nicht, Helmut ... ich perfönlich könnte mich ja noch daran gewöhnen, aber
willft du der Bevölkerung wirklich diefe neue Rechtpfreibreform allen Ernftef noch vor der
Wahl zumuten?
Nolte (beftimmt): Die Idee ift pfeiffe. Gleichzeitig würden wir ja auch 10% der
Gefamtbevölkerung ftreichen. Die Arbeitflofenquote würde gleichbleiben und nicht finken.
Kohl: Du haft recht. Vergessen wir's!
Schäuble (atmet erleichtert auf)
Kohl: Nächster Vorschlag, bitte. Nobby?
Blüm (blättert): Sonst steht hier nicht mehr viel ... Wir könnten die Atomuhr in Braunschweig
einfach anhalten lassen. So gäb's niemals einen 27. September, und die Legislaturperiode
würde nie enden. Die Arbeitslosen hätten wir damit aber nicht halbiert. Wir hätten nur endlos
Zeit, das Problem zu lösen.
Kohl: Das sähe ja so aus, als wollten wir es aussitzen. Außerdem will ich endlich meinen
Euro. Der würde ja dann auch nicht kommen.
Mehrere Stunden später.
Blüm: Möglichkeit 826: Die neuen Länder für 99 Jahre an eine internationale
Investorengruppe oder ersatzweise an einen befreundeten Nachbarstaat verpachten. Als
Bonus könnte man noch das Saarland dazugeben.
Kohl: Au ja! Und Oskar gleich mit!
Blüm: Sorry, Helmut, die Altlasten nimmt uns keiner ab.
Kohl (enttäuscht): Dann bliebe dieser Stasi-Spitzel und Polit-Clown ja auch hier! Kommt gar
nicht in Frage! Der soll gefälligst in der Zone versauern!
Nolte: Ich hab' mir was ausgedacht! Die Steuern senken, den Staat schlanker machen und
die Sozialversicherungen sanieren, indem wir stärkere Selbstbeteiligungen einführen und
versicherungsfremde Leistungen herausnehmen. Bürokratische Hemmnisse für
Existenzgründer abbauen -
Waigel: Kostet alles Zeit. Zeit ist Geld, und Geld haben wir keins.
Stunden später.
Rüttgers (nach Ablehnung von Vorschlag 1306): Ich kann nicht mehr. Ich brauche Urlaub!
Kanther (schlägt auf den Tisch, alle zucken zusammen) Urlaub! Genau! Millionen Deutsche
befinden sich derzeit im Ausland im Urlaub. Wir machen die Grenzen dicht und bürgern die
sich im Ausland befindlichen Deutschen aus. Millionen von so frei gewordenen Arbeitsplätzen
könnten von den Millionen daheimgebliebenen Arbeitslosen besetzt werden.
Blüm: Aber es sind viel mehr Deutsche im Ausland im Urlaub als Arbeitslose hier.
Kanther: Dann lassen wir eben einen Teil der Ausgebürgerten häppchenweise wieder
einreisen - gegen saftige Gebühren, versteht sich.
Waigel (begeistert): Genau!
Kohl: Ein genialer Gedanke: Mein Freund Jose' Maria Aznar und der Regionalgouverneur von
Mallorca werden fast jede Summe zahlen, damit sie das saufende, marodierende Pack wieder
loswerden. Die Bundestagswahl aber wäre bis dahin gelaufen. Und wir noch im Amt.
Kinkel: Das ganze ist aber verfassungswidrig!
Kanther: Irrtum. Verfassungswidrig ist nur, was die Verfassungsrichter als
verfassungswidrig ansehen. Aber wo kein Richter, da kein Urteil. Fast alle Verfassungsrichter
machen gerade Urlaub - (zückt eine kleine Liste) und zwar in insgesamt 12 Ländern auf fünf
Kontinenten.
Kohl: Cool!
So kam es, daß zwei Drittel aller deutschen Politiker im Ausland Asyl beantragen mußten und
die SPD einen neuen Kanzlerkandidaten brauchte, da Gerhard Schröder gerade ein VW-Werk
in Brasilien einweihte. Ranghöchste Genossin daheim war Herta Däubler-Gmelin (ihr
Last-Minute-Flug nach Mikronesien war überraschend storniert worden). So erfüllte sich der
geniale Plan der Meisterhirne, und Deutschland bekam seine erste Kanzlerin. Das war zwar
nicht vorgesehen, aber kleine Fehler sind manchmal eben nicht zu vermeiden.