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120, rue de la Gare
Krimi-Klassiker: Nestor Burma
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1940: Deutsche Truppen fallen in Frankreich ein, das den Krieg in wenigen Wochen verliert. Die
französische Armee geht in Kriegsgefangenschaft. Der Norden und Westen Frankreichs mit
Paris werden von den Deutschen besetzt, während die Region im Südosten samt der
Mittelmeerküste vorläufig unbesetzt bleibt. Größte Stadt in dieser unbesetzten Zone ist Lyon.
1943: Im immer noch besetzten Paris erscheint ein Kriminalroman, der Furore macht: "120, rue de la Gare" von Léo Malet. Erfreulicherweise ist dieser erste von 26 Kriminalromanen Malets,
der in Frankreich mehrfach verfilmt wurde und sogar als Comic erschien, jetzt auch auf
Deutsch verfügbar.
Das Buch beginnt in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Auch Nestor Burma, im
Zivilleben Leiter der kleinen Detektivagentur Fiat Lux ("Es werde Licht"), hat es dorthin
verschlagen. Die Langeweile im Stalag XB wird eines Tages kurz unterbrochen durch einen
Gefangenen, der scheinbar unter völligem Gedächtnisschwund leidet. Es geht ihm immer
schlechter, und schließlich stirbt der geheimnisvolle Unbekannte im Angesicht Burmas - nicht
ohne noch als letzte Worte "120, rue de la Gare" zu röcheln.
Wenige Monate später. Burma wird, wie viele andere, entlassen. Im Hauptbahnhof von Lyon
trifft er völlig überraschend seinen Mitarbeiter Bob Colomer. Der stürzt begeistert ans
Zugfenster, ruft "Chef! 120, rue de la Gare..." und wird im gleichen Moment von hinten
erschossen.
Etwa von der schönen jungen Frau, die Burma gerade noch erkennen kann, wie sie eine Pistole
senkt?
Der Polizei in Lyon erzählt Nestor Burma vorläufig nichts von dieser Beobachtung. Kein
Wunder bei der in späteren Malet-Romanen noch deutlicher hervortretenden Neigung des
Detektivs zu schönen Frauen (auch wenn sie morden).
Bei seinen Nachforschungen erlebt Burma verschiedene Überraschungen. Eine Rue de la Gare
kann er in Paris (wo sie sein muß) nicht finden. In Lyon kommt er zwar weiter, entdeckt aber
nur Puzzlestücke von dem, was sein toter Mitarbeiter ausgegraben hatte. Doch das reicht
schon, damit ihn jemand ermorden will. Allerdings bezahlt dieser Jemand seinen Übermut mit
einem feuchten Tod in der Rhone.
Nestor Burma ähnelt zwar Raymond Chandlers legendärem Philip Marlowe, ist aber eine
eigenständige Figur. Selbstironie, mitunter triefender Sarkasmus und Wortspiele erfreuen den
Leser ebenso wie der recht inflationäre Umgang Malets mit Leichen. Am Ende des Buches
rechnet Burma seiner Sekretärin Hélène Chatelain sogar die korrekte Leichenzahl vor (und
löst damit das letzte kleine Rätsel).
Nestor Burma wird von wenigen Mitarbeitern unterstützt (die im Krieg auch noch dezimiert
wurden). Viele Informationen erhält er von seinen Freunden bei Polizei und Presse, Kommissar
Florimond Faroux und Marc Covet. Doch im Grunde ist er ein Einzelkämpfer - und das ist wohl
die größte Ähnlichkeit mit Marlowe und Sam Spade.
Léo Malet, der im März 1996 im Alter von knapp 87 Jahren starb, hat einen
unverwechselbaren, äußerst französischen Typ geschaffen. Abwechslung von den
anglo-amerikanischen Krimis, von Chandler und Christie, Hammett und Sayers? Ein Fall für
Nestor Burma!
Léo Malet: 120, rue de la Gare. Nesor Burma ermittelt. rororo Taschenbuch Verlag, 198 Seiten,
9,90 DM.
G.D.
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