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Satire und Religion
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Zur 100. Sendung der "Mitternachtsspitzen" im WDR-Fernsehen war ein Festprogramm
vorgesehen. Als der Mitarbeiter des Satiremagazins "Titanic" sich nicht an die Absprachen hielt und das Gedicht "Ratzinger will Jesus werden" vortrug, zog der WDR die Notbremse und inszenierte eine Tonstörung.
Hier hat der WDR also schnell auf überzogene Satire und an gotteslästerliche Schmähungen grenzende Bemerkungen reagiert. Vielen Zuschauern wäre dies wohl böse aufgestoßen. Hier einmal ein ausdrückliches Lob dem WDR.
Doch gehört es heute schon zum guten Ton, sich über die christlichen Kirchen lustig zu
machen und Glaubensinhalte durch den Schmutz zu ziehen. Was viele Menschen mit Religion
verbindet bzw. für sie heilig ist, reizt offenbar Karikaturisten, als spießig und überholt
darzustellen.
Hier in der Bundesrepublik genießen wir, Gott sei Dank, die verfassungsmäßig garantierte
Religionsfreiheit, das heißt auch die Freiheit, sich gegen eine Religion zu entscheiden.
Das setzt aber auch Toleranz den Glaubenden und den "Andersglaubenden" voraus. Nun
versuchen Künstler durch gezieltes Übertreten dieser Grenzen, Publicity zu gewinnen, man
erinnere sich nur an gewisse Kunstwerke und Happenings, z.B. die Nacktfotos im Kölner Dom.
Die Künstler lassen sich feiern, eine eventuelle juristische Verfolgung strafrechtlicher
Tatbestände wird als gute Presse nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu
herbeigesehnt - und zugleich als Symbol der Spießigkeit der Gesellschaft gewertet.
Doch wie würde es aussehen, wenn die Toleranz oder die Freiheit des Andersdenkenden
"zurückschlagen" würde? Man stelle sich den wütenden Aufschrei dieser Gruppe vor, hätten
provozierte Gläubige im Kölner Dom z.B. den Fotografen niedergeschlagen. Wären andere
Religionsgemeinschaften provoziert worden, so wäre dies durchaus wahrscheinlich gewesen.
Hätte dieses Happening in einer Moschee stattgefunden, wäre es wohl nicht ohne Blessuren
vonstatten gegangen.
Oder man stelle sich vor, der Künstler hätte eine Synagoge gewählt - der Vorwurf des
Antisemitismus wäre im In- und Ausland sofort aufgekommen. Also: Besser, man nimmt die
christlichen Kirchen, denn "da passiert nichts".
Noch besser wäre allerdings, diese Künstler, Satiriker und Kabarettisten würden etwas mehr
Toleranz üben (und Einfallsreichtum zeigen). Sicherlich ist Satire auch in und mit der Kirche
zulässig (und manchmal sogar notwendig). Nur sollten die Künstler die feine Linie beachten,
bei deren Überschreitung die Gefühle der Gläubigen verletzt werden.
K.R.
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