Portrait

Der einstige Youngster kehrt zurück

Wenn von den Führungsspielern der „neuen" Bayer Giants die Rede ist, dann fällt unweigerlich der Name von Denis Wucherer. Als erster Neuzugang unterschrieb Denis bereits im Juni einen Drei-Jahres-Vertrag beim deutschen Rekordmeister. „Denis spielt in unserem Konzept eine ganz wichtige Rolle", so Manager Thomas Deuster über die Verpflichtung des langjährigen Nationalspielers. Neben John Best soll der die Mannschaft mitreißen."

In Leverkusen ist der gebürtiger Mainzer ein alter Bekannter. Von 1992 bis 1998 trug Wucherer schon einmal das Trikot der Bayer Giants. Dirk Bauermann hatte den damals 18-jährigen Junioren-Nationalspieler in der Talentschmiede des Zweitligisten TV Langen entdeckt. Die Begeisterung für den schnellen Sport wurde Denis bereits von seinen Eltern „in die Wiege gelegt". Im zarten Alter von sechs Jahren unternahm Wucherer in der Jugendabteilung des TV Oppenheim seine ersten Sternschritte. Später folgte ein Jahr an der Fort Pierce High School in den USA.

Schon bald darauf nahmen die Talentspäher des TV Langen Witterung auf. Die „Giraffen" lockten Denis und seinen älteren Bruder Nico endgültig zum professionellen Basketball. Bis dahin war der Youngster auch im Tennis ziemlich erfolgreich. Immerhin brachte es Wucherer zum rheinland-pfälzischen Jugend-Landesmeister.

In seiner ersten Saison 91/92 erkämpfte sich Wucherer in Langen eine durchschnittliche Einsatzzeit von 18 Minuten. Ganz ordentlich für einen Newcomer. Im Sommer 1992 holte Dirk Bauermann den 1,95m-großen Flügelspieler an den Rhein.

Die Lehrzeit bei den Bayer Giants war hart und lang. Denis blieb von Verletzungen nicht verschont. „Ich hab immer auf meine Chancen gewartet. Wenn sie sich boten, habe ich sie genutzt und eine gute Leistung gezeigt", erinnert sich Denis. Auch Bauermann geizte nicht mit Lob: „Denis hat gezeigt, dass er uns auch als sehr junger Spieler helfen kann!"

Trotz des ungleich höhere Leistungsniveau in der s.Oliver-BBL erhielt Wucherer eine Einsatzzeit von durchschnittlich etwa 16 Minuten und wurde von Beginn auch an in der Europaliga eingesetzt. Seine erste große Sternstunde zelebrierte Denis 92/93 im Punktspiel gegen Gießen. Zunächst sorgte der Youngster mit einem Treffer in allerletzter Sekunde für die Verlängerung. Acht Sekunden vor dem Ende der „Overtime" avancierte er mit einem Wahnsinnsdreier endgültig zum Matchwinner der Partie. Dass die Bayer Giants einen der ihren auf den Schultern in die Kabine tragen, kommt auch nicht alle Tage vor.

Im Oktober 1992 wurde Denis vom damaligen Bundestrainer Svetislav Pesic in den A-Kader der Nationalmannschaft berufen. Nun ging er mit den großen Vorbildern von einst gemeinsam auf Korbjagd: „Im Angriff so spielen wie Stephan Baeck und in der Abwehr so schnelle Beine haben wie Mike Koch!" - das war lange Zeit Denis persönliche Zielsetzung. Der Erfolg und das Vertrauen des Trainers sowie der Teamkollegen gaben Wucherer das nötige Selbstvertrauen. „Ich habe keine richtige Schwäche, aber man kann alles verbessern", so seine damalige Einschätzung.

Schon nach wenigen Monaten hatte sich der Mainzer bei den Bayer Giants zu einer festen Größe mit gefragten Qualitäten entwickelt: schwer zu verteidigen, guter Schuss, heißes Händchen aus der Distanz, Nerven aus Draht in der Crunchtime und der richtige Riecher für den schnellen Steal zwischendurch.

93/94 bremste eine verletzungsbedingte Zwangspause von mehreren Monaten einen weiteren Anstieg seiner Leistungskurve. Den endgültigen Durchbruch zum Leistungsträger schaffte Denis in der folgenden Saison. Die Erfolge im Verein machten den Flügelspieler auch für den damaligen Bundestrainer Lucic zum Thema. Prompt wurde der Leverkusener ins Aufgebot zur EM 95 berufen.

„Ich bin nicht mit großen Erwartungen nach Athen gefahren, weil der Bundestrainer in der Vorbereitung fast ausschließlich die Routiniers durchspielen ließ", war Denis von der späteren Entwicklung selbst überrascht. Mit einer Trefferquote von 67 Prozent gehörte Wucherer zu den fünf besten Scorern des Turniers. „Ich müsste zehn Wucherers haben. Er hat seine Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft", geizte auch der Bundestrainer nicht mit Lob.

Auch als die legendäre Meistermannschaft im Sommer 1996 auseinanderfiel, blieb Denis den Bayer Giants erhalten. Die Rolle hatte sich jedoch schlagartig geändert. Nun war Wucherer der Star im Team. Der Youngster wurde zum Leitwolf. Nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte, die im April 1998 mit einem K.O in der ersten Play-Off-Runde und Platz 8 in der Endabrechnung endete, entschloss sich Denis zu einem Wechsel ins Ausland. Als „Bosman-Spieler" schaffte Wucherer den Sprung in die starke italienische A1-Serie. In Milano erkämpfte sich der Nationalspieler in der Saison 98/99 direkt einen Stammplatz. Mit einer durchschnittlichen Einsatzzeit von 32 Minuten und einem Schnitt von respektablen 11,5 PpS gehörte Denis auch hier zu den festen Größen. Ein weiteres Highlight war die Teilnahme an den Mc Donalds Open 1999.

Gerne wäre Wucherer in Milano geblieben. Doch als der Verein am Ende der Saison in eine finanzielle Krise schlitterte, transferierte man den Deutschen zum Liga-Konkurrenten Varese. Auch hier konnten sich die Statistiken sehen lassen, bis ihn eine langwierige Bänderverletzung auf die Bank verbannte.

In der vergangenen Saison kehrte Denis in die s.Oliver-BBL zurück. Bis zuletzt hatte er auf eine Verlängerung seines Vertrages in Varese oder eine ähnliche Offerte aus Italien gehofft. Als lukrative Angebote ausblieben, trainierte er zunächst in Frankfurt mit, um sich fit zu halten. Später folgte er dem Ruf seines Bruder Nico nach Würzburg. Hier half Denis einige Wochen unentgeltlich aus, um sich für kommende Aufgaben fit zu halten.

„Es gab in dieser Zeit vier Offerten aus der Bundesliga. Sie kamen aus Hagen, Würzburg sowie - finanziell sehr lukrativ - aus Trier und vom MBC", so Denis. In der heißen Phase der Saison sicherte sich jedoch Tabellenführer und Titelaspirant Opel Skyliners Frankfurt die Dienste von Denis Wucherer. Dort setzte Coach Gordon Herbert Denis in ungewohnter Rolle als Spielmacher ein. Doch der gelernte Flügel machte auch als Parkett-Stratege eine gute Figur.

Skyliners-Manager Gunnar Wöbke: „Wir haben Denis Wucherer kurz vor Ende der Wechselfrist verpflichtet, um in der entscheidenden Saisonphase einen tieferen Kader und eine Absicherung im Falle von Verletzungen - vor allen Dingen auf der Aufbauposition - zu haben. Vor der Zeit bei uns war Denis nach seiner schweren Verletzung in Italien in keiner einfachen Situation. Er hat sich für die Opel Skyliners entschieden und sich mit vollem Herzen eingebracht. Wir haben ein sehr offenes, vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Als Denis uns von dem konkreten Leverkusener Angebot erzählt hat, konnten wir ihm nur raten, es in seiner jetzigen Karrieresituation anzunehmen. Mit 29 Jahren befindet er sich auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn."

Wucherer selbst sieht den Verlauf der zurückliegenden Saison sowie seinen Wechsel an den Rhein folgendermaßen: „Die Bayer Giants haben mir ein Angebot über drei Jahre gemacht. Wäre die Aussicht, wieder europäisch spielen zu können, der entscheidende Faktor, hätte ich mich für Frankfurt entschieden. Die drei Monate am Main waren das Beste, was mir in dieser verkorksten Saison passieren konnte. Ich bin in eine Spitzenmannschaft mit dem entsprechenden Umfeld gekommen und habe dort gerne gespielt. Mit der langfristigen Bindung an Leverkusen bekomme ich nun eine Absicherung, die mir 2001 einfach gefehlt hat. Der Schritt nach Leverkusen bedeutet für mich eine Rückkehr, schließlich habe ich dort schon sechs Jahre lang gespielt. Außerdem soll mit dem neuen Umfeld auch ein neues Team um mich herum aufgebaut werden", so Denis.

Auch in Leverkusen wird der Rückkehrer die Rolle des Spielmachers übernehmen. „Denis hat in Frankfurt bereits bewiesen, dass er das sehr gut kann. Er soll die jungen Spieler führen, daher denke ich auch daran, ihn überwiegend auf der Position 1 spielen zu lassen", weist auch Coach Heimo Förster auf die zentrale Rolle hin, die der langjährige Nationalspieler in seinem Konzept einnimmt.

Text: Ralf Thiesen


Martin Wingender | Emailadresse (2002-10-06)Zurück zur Hauptseite